Kennenlernen

Ein Mann, der auch als Erwachsener an Muttis Rockzipfel hängt, ist für kaum eine Frau attraktiv. Schnell wird er als Muttersöhnchen abgestempelt. Doch ein gutes Verhältnis zu den Eltern und auch zur Mutter, ist eigentlich etwas Positives - natürlich nur, solange es im Rahmen bleibt.
Alexander (32) liebt seine Mutter: "Sie hat mich allein groß gezogen und auf vieles verzichtet. Ich fühle mich verpflichtet, für sie da zu sein und ich tue es gern." Für den technischen Redakteur ist es selbstverständlich, am Sonntag bei ihr Mittag zu essen. Und zwar jeden Sonntag. Seine Ex hatte damit ein Problem. "Sie wollte, dass ich mich abnabele. Aber warum? Sie ist meine Mutter, die immer für mich da war."
Eine sichere Bindung, intensive Zuwendung und eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern sind förderlich für die Entwicklung, das ist laut Diplom-Psychologin Lisa Fischbach allgemein bekannt. "Wenn Kinder jedoch nicht genügend in den notwendigen Selbstständigkeitstendenzen unterstützt oder gelassen werden, misslingt der Abnabelungsprozess. Deshalb kommt es zu Problemen in späteren Partnerschaften." Und daraus werden dann die viel geschmähten Muttersöhnchen.
Aber was ist das eigentlich genau? Single-Coach Fischbach erklärt: "Ein Mann, der von seiner Mutter übermäßig umsorgt wurde, bleibt unselbstständig und emotional stark an diese gebunden. Ein Muttersöhnchen neigt deshalb dazu, in Beziehungen von der Partnerin die gleiche Fürsorge wie zu Hause zu erwarten." Und er vergleicht natürlich alle Frauen mit dem Überbild der eigenen Mutter.
Generell ist gegen ein gutes Verhältnis zur Mutter nichts einzuwenden, wichtig ist jedoch die Qualität der Beziehung: Ist es Abhängigkeit oder freiwillige Sympathie? "Wer sich loslöst, sich eigener Werte, Bedürfnisse und Lebensweisen bewusst ist und sich dann wieder liebevoll den Eltern zuwendet, zeigt fürsorgliches Engagement und Interesse", so Lisa Fischbach. Und das ist gut.

Das wäre für Julia (36) völlig ok gewesen: "Mein Ex war von der Sorte, die ein Rundum-Sorglos-Paket von mir erwartete, weil seine Mutti ihm das auch alles abgenommen hat." Haushaltsdinge und Alltagspflichten waren für ihn Horror und beim kleinsten Schnupfen musste Petra Händchenhalten. "Außerdem ist er immer erst zu seiner Mutter gegangen, wenn er Probleme hatte oder irgendeine Entscheidung anstand."
Wie viele Partnerinnen von Muttersöhnchen fühlte sich auch Petra unfreiwillig in die Rolle des Hausmütterchens und der Krankenschwester gedrängt. Sie war keineswegs eine Partnerin auf Augenhöhe und fühlte sich stark vernachlässigt.
"Starke Bindungen zwischen Mutter uns Sohn stellen für deren Frauen eine immense psychische Belastung dar", so die Psychologin. "Wenn nur Mutters Essen gelobt wird, Termine nach dem Kalender der Mutter orientiert sind und die Frau sich laufend der Mutter gegenüber zurückgestellt fühlt, ist die Partnerschaft in Gefahr." Richtige Muttersöhnchen sind nämlich veränderungsresistent. Von daher sollte "frau" besser die Flucht ergreifen, denn gegen eine Mutter, die nicht loslassen mag, zieht sie meist den Kürzeren.
Lisa Fischbach: "Letztlich muss er einsehen, dass es besser ist, sich für die Frau zu entscheiden und der Mutter klarzumachen, dass man immer für sie da ist, aber nun sein eigenes Leben leben möchte." So kann auch eine verspätete Abnabelung gelingen.
Jedoch sollten Frauen eine starke und gesunde Bindung zu den Eltern tolerieren und sich öffnen. Schließlich zeigen sich darin positive Eigenschaften wie Fürsorge und zwischenmenschliches Engagement. "Mit der Forderung, sich grundlos mehr von den Eltern abzuwenden, um mehr Aufmerksamkeit vom Partner zu fordern, übertritt sie die persönlichen Grenzen des Partners und missachtet seine Bedürfnisse", erklärt Lisa Fischbach.
Dahinter steckt oft Eifersucht oder das Gefühl, zweitrangig zu sein. So etwas sollte zwischen den Partnern offen geklärt werden. Alexander fand die Forderungen seiner Ex überzogen und trennte sich nach wenigen Monaten wieder von ihr: "Sie wollte mich ganz für sich allein, ohne Verpflichtungen und ohne Vergangenheit. Das war keine gute Basis für eine lange Beziehung." Seine jetzige Freundin kommt mit seiner Mutter übrigens gut klar. Alexander konnte ihr glaubhaft vermitteln, dass er sowohl ein liebevoller Partner als auch ein treusorgender Sohn sein kann. Klar: "Wenn einem Mann die Beziehung wichtig ist, kann er ja das gute Verhältnis zur Mutter beibehalten, sich aber gleichzeitig abgrenzen und ein eigenständiges Leben führen", sagt Lisa Fischbach. Ohnehin glaubt die Psychologin, die klassischen Muttersöhnchen seien auf dem Rückzug: "Kinder, die heutzutage mit einer berufstätigen Mutter aufwachsen, sind das stete 'Umsorgtsein' von Kindesbeinen an nicht mehr in dem Maße gewohnt und entwickeln sich zwangsläufig selbstständiger."
Annette Riestenpatt, Redaktion
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