Wenn man sich selbst in einer Beziehung gefangen hält ...
Wir Juristen kennen den Zustand, dass wir davon ausgehen müssen, etwas existiert, obwohl wir uns vollauf bewusst sind, dass dem nicht so ist. Man spricht dann gerne von "Fiktion". Vor kurzem ist mir traurigerweise aufgefallen, dass es so was auch bei Beziehungen gibt.
Beziehungsfiktionen. Und ich rede nicht davon, dass man eine Freundin erfindet, oder seinen Freundinnen gegenüber behauptet, man lebe in einer Fernbeziehung, um sie davon abzuhalten, einen weiter zu verkuppeln. Nein, wovon ich hier rede, ist der Zustand, dass beide Menschen noch da sind, aber die Beziehung weg ist. Anstatt sich zu trennen, tun die Leute dann das, was man halt so als Mensch tut. Das was man immer tut. Man folgt seinen Gewohnheiten: Isst, guckt fern, schläft. Irgendwie kann man nicht sagen, man wäre frei. Aber gerade wenn man mal eine Weile in so einer Konstellation gelebt hat, weiß man: Eine Beziehung kann man das sicherlich nicht mehr nennen.
Wie geht so was los? Wie fängt es an und vor allem: Wann? Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich selbst habe das ein paar Mal erlebt. Ein paar Mal musste ich mich aus so was befreien. Und es war nicht meine Partnerin, die mich da gefangen hielt. Nein, das war ich selbst. Man könnte sagen, ich neige dazu auf diesen Fallstrick hereinzufallen. Also, wie beginnt es?
Schleichend. Ganz, ganz schleichend.
Es quetscht sich irgendwo zwischen den romantischen Urlaub und die Diskussion, ob man Trockner und Waschmaschine als Kombination oder lieber im Einzelnen kauft. Es beginnt im Kopf und schleicht ins Herz. Im Leben kommt es dann erst ganz am Schluss an und wenn der Organismus Beziehung bereits soweit ist, ist man erledigt. Dann lähmt es einen und hält einen gefangen.
Ich denke, der erste Schritt ist immer, nicht mehr zu lieben. Also dieses Gefühl zu haben, dass die Freundin nichts Besonderes mehr für einen ist, außer das sie halt die auserwählte Partnerin ist. Bzw. das der Mann nur noch eine wichtige Nebenrolle spielt. Es beginnt nicht, wie man denken könnte, beim Sex. Nein. Der wird erst viel, viel später leiden. Ganz einfach, weil man sich so super hinter Sex verstecken kann. Solange im Bett alles gut ist, ist doch auch alles gut zwischen uns, oder? Ja klar! Doch seit wann ist Sex etwas, dass mit Liebe zu tun hat? Es beginnt aber auch nicht beim Reden. Ganz im Gegenteil: Man hört vielleicht auf zu reden, aber das vermisst man nicht. Und wenn notwendig, kann man problemlos kommunizieren. Immerhin war man Jahre zusammen. Es beginnt meiner Meinung nach beim Humor. Man hört auf gemeinsam zu lachen. Plötzlich versteht man den Witz des anderen nicht mehr. Und kann eigentlich gar nicht sagen warum. Dann hören die kleinen Dinge auf: Das Lächeln. Das Streicheln des Rückens. Und schließlich entkoppeln sich die beiden Leben voneinander. Man weiß plötzlich eigentlich gar nicht mehr, warum der andere gerade ein paar Tage weg ist. Irgendwo lag ein Zettel, oder? All das ist klassisches Auseinanderleben. Und für gewöhnlich ist hier Schluss. Für gewöhnlich. Aber dann macht man halt nicht Schluss. Wegen gemeinsamer Wohnung. Oder Geld. Oder – wohl am häufigsten – aus Bequemlichkeit. Kinder. Examen. Doktorarbeiten. Weihnachten. Gemeinsame Freunde. Erinnerungen. Weil der Partner auf dem Papier perfekt ist. Irgendwas ist immer. Man kann auch noch einmal alle paar Wochen einen tollen Abend haben, der alle Gedanken, dass etwas nicht stimmen könnte, wegwischt. Und so bleibt es dann. Tag für Tag. Jahr für Jahr unter Umständen. Man ist dabei nicht glücklich. Aber eigentlich auch nicht unglücklich. Man ist halt nur noch…
Hab ich meine Zeit vergeudet damals? Hm, es war irgendwie wie Single sein, nur ohne die Erwartung der Welt an mich, irgendetwas ändern zu müssen. Es war eigentlich ganz gut. Aber irgendwie hat es mich auch gequält. Irgendetwas hat halt gefehlt. Ein kleines Männchen hat solange in meinem Kopf geschrien, bis ich dann Schluss gemacht und es einfach beendet habe.
Das letzte Mal, dass mir das passierte, guckte mich die Frau an und sagte: "Komisch, das du solange gebraucht hast." Dann ging sie und ich sah sie nie wieder. Und irgendwie war das Schlimmste daran, dass sie ihre coolen CDs mitnahm.
Ja, das ist interessant und trifft die Geschichte, warum man sich nicht trennt…
Wie wäre es, wenn man mal nachforscht, warum genau der Partner nichts besonderesmehr ist?
Eigentlich gehört die anfänglich so leichte absichtslose Zärtlichkeit irgendwann ganz natürlich in die Kategorie Anstrengung.
Ja, tatsächlich, weil man für eine Beziehung nämlich etwas tun muß.
Mein 17jähriger Sohn und seine langjährige Freundin sind ja da schon weiter!
Sie spürte, daß ihm immer weniger an ihr lag und schrieb ihm einen Brief, in dem sie ihm einfach die Frage stellte, ob er noch mit ihr zusammensein wolle oder nicht.
Er hat lange darüber nachgedacht. Dann sagte er zu mir:
“Ich spüre, daß ich sie noch liebe. Aber ich merke auch, daß es mir zu unbequem geworden ist, mich um sie zu kümmern. Wenn ich mich entscheide, mit ihr zusammenzubleiben, weiß ich, daß ich ihr zeigen muß, daß ich sie liebe, aber auf die Art, wie sie es versteht. Dafür muß ich Zeit und Konsequenz aufbringen, auch Disziplin. Aber ich glaube, daß es sich lohnt.”
Besser hätte ich es mit aller Erfahrung niemals ausdrücken können.
Da wächst eine Generation von weitsichtigen Menschen heran….