Der Hamburger Autor Nils Mohl hat mit "Ich wäre tendenziell für ein Happy-End" einen neuen Kurzgeschichten-Band im Leipziger Plöttner Verlag veröffentlicht. Der Titel ist von der ersten Story im Buch geliehen, in der ein Paar offensichtlich eine Affäre hat, aber beide unterschiedliche Ansprüche an dieses Verhältnis stellen.
Und er impliziert die Frage, was eigentlich gegen ein Happy-End spricht. "Eine ganze Menge", findet Nils Mohl. Das wüssten wir schließlich aus dem Alltag. Er hat den Titel bewusst gewählt, weil er ein schöner Verweis auf die Filmkunst ist: "Denn dem Kino", so sagt er, "verdanken die Storys so einiges. Erzählstrategien. Schnitttechniken."
Den beiden Figuren in der Titelstory wird schnell klar, dass eine intelligente Lösung für ihr Problem nicht möglich ist. Folglich bleibt nur die Trennung. Für Nils Mohl hat das weniger mir dem Glauben an das Schicksal zu tun, als eher mit der Ökonomie der Liebe: Wie viel ist jeder bereit zu investieren? Der Autor definiert die Liebe dabei nicht. Das könnten andere besser, wiegelt er ab. In einem seiner ersten Seminare an der Uni habe er einmal geschrieben: "Liebe ist das Totalpotential allen Diskutierens, Reflektierens, Sensitiv-Tangierens und Agierens in einer erotischen Relation." Nun ja.
Liebe ist…
Eine gute Beziehung macht laut seiner Definition den kleinsten gemeinsamen Nenner aus. Das gemeinsame Erleben steht im Vordergrund. Es sei schwierig zu verallgemeinern, da eine Beziehung von individuellen Ansprüchen und Wünschen der beiden Partner lebe. Natürlich sei der Wille, überhaupt eine Bindung einzugehen, unerlässlich. Ebenso wie Toleranz. Den Einwurf, seine Geschichten repräsentierten seinen eigenen Unglauben an das Funktionieren von Beziehungen, lässt er nicht gelten: "Es klappt doch pausenlos. Seit rund 10.000 Jahren nehmen die Probleme zwar ständig zu, weil die Komplexität der Gesellschaften, in denen der Mensch lebt, größer wird. Aber das macht die Sache ja nur interessanter."
Auf die Frage, um was es in dem Buch gehe, antwortet er: "Es sind überwiegend Konjunktiv-II-Themen, mit denen sich die Figuren herumschlagen müssen. In vielen Storys werden sie von der Frage gequält: Was wäre wenn?" Es geht also auch um die Geschichten im Kopf. Was wäre wenn wir keine Affären hätten, sondern eine Beziehung? Was wäre, wenn unsere Beziehung nicht zerbrochen wäre? Was wäre, wenn ich heute alle Nachbarn zu meinem Geburtstagsfest einlade? Letztlich gehe es wohl auch darum, was Wirklichkeit sei – und wie wir damit klarkämen.
Zwölf mal Nils Mohl
Eine Lieblingsgeschichte hat Nils Mohl nicht. Wie ein Vater, der kein Lieblingskind benennen kann, sollte auch ein anständiger Autor das nicht können. "Es sind zwölf Storys, die in den letzten Jahren überlebt haben." Schon allein deshalb seien alle zwölf irgendwie Lieblinge, denn Nils Mohl hat natürlich viel mehr geschrieben. Aber mit jeder Erzählung im Buch verbindet ihn eine ganz persönliche Geschichte. Für "Über Elefanten sprechen wir später" hat er im Dezember 2000 den ersten Preis gewonnen und durfte zu diesem Anlass das erste Mal öffentlich lesen. An "Entropische Anomie" hat er stolze acht Jahre gearbeitet und bestimmt 50 verschiedene Versionen geschrieben. "Schön, dass du da warst" sei inzwischen Schulbuchliteratur wie auch "Tanzen gehen". Kurz: Er liebt alle seine Geschichten aus unterschiedlichen Gründen.
Von seinem Vorgänger "Kasse 53" grenzt sich "Ich wäre tendenziell für ein Happy-End" ganz klar ab. Zwar sei es ästhetisch viel radikaler, dennoch seien die Bücher für ihn eine Art Zwilling – eindeutig, aber zweieiige. Weil sie zeitgleich entstanden seien, aber jedes seine ganz eigene Persönlichkeit entwickelt habe. "Das erstgeborene ist natürlich viel schwieriger, das andere eher ein kleiner Sonnenschein. Leichter im Umgang."
Die Vorstadt als Herausforderung
Einige seiner Geschichten hat Nils Mohl in der Vorstadt angesiedelt. Wohl, weil er selbst in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand aufwuchs und sich dort auskennt. Außerdem empfindet er diesen Ort als Herausforderung, da er noch nicht so ausgelutscht sei: "Der Stadtrand ist literarisch ja noch relativ unerschlossen" Überhaupt: Es stecken eine Menge eigener Erfahrungen und bestimmter Weltbilder in den Geschichten und Figuren. Letztlich sei der Autor ja immer nur der Katalysator für den Input, den er täglich bekomme. Doch auch der Leser könne sich durchaus darin wiederfinden.
Nils Mohl ist 37 Jahre alt und konsumiert entsprechend lange Bücher und Filme. Weitere Inspirationsquellen: Nachrichten und Werbung und natürlich die verschiedenen sozialen Strukturen, in denen er lebt. So baut sich dann im Laufe der Zeit der eigene Kosmos auf. Und Literatur sei sowohl beim Lesen wie auch beim Schreiben eine Art Lebenserweiterung. "Es gibt natürlichen einen qualitativen Unterschied zum 'realen' Erleben, aber ich empfinde diesen Unterschied nicht als so riesig. Und es gibt zum Teil enorme Vorzüge des Lebens in der Literatur – die unzähligen Möglichkeiten zum Beispiel." Was deshalb beim Entstehen der Storys das vielleicht Schwierigste sei: Entscheidungen zu fällen. Der Versuchung zu widerstehen, einfach nur Klischees zu reproduzieren, die das "echte" Leben schon so langweilig machen. Gut, dass Nils Mohl ein aufmerksamer und versierter Beobachter und Autor ist. Seine Geschichten sind alles andere als langweilig.
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