Zugegeben, es ist ein bisschen heikel, dieses Buch an dieser Stelle zu empfehlen. Schließlich vermitteln wir seriöse Singles mit festen Bindungsabsichten. Dennoch: Die Lektüre der "Gebrauchsanleitung für erotische Abenteuer" ist durchaus aufschlussreich.
Mit der Treue ist es so eine Sache: In Umfragen beteuern immer wieder alle Befragten, wie wichtig sie für eine Partnerschaft ist. Doch andererseits gibt im Schnitt die Hälfte zu, gelegentlich fremd zu gehen. Für die Diplompsychologin und Verhaltenstherapeutin Karin-Sarah Reichelt und die Journalistin Anne Küsters Grund genug, dieses Tabuthema einmal ohne erhobenen Zeigefinger und moralischen Dünkel von A – wie Affäre – bis Z – wie Zerrissenheit – aufzurollen.
Treue ist relativ
Und das Lesen macht wirklich Spaß. Denn es ist nicht nur oberflächliches Lifestyle-Geplänkel, was die Autorinnen zu bieten haben: Für sie ist Treue nämlich eine romantische Illusion jenseits physischen Begehrens und ja nach ethischer Einstellung und gesellschaftlicher Norm unterschiedlich interpretierbar. Dennoch sagen sie deutlich, dass ihr Buch ausdrücklich keine Aufforderung zum Fremdgehen ist.
Aber all diejenigen, die bereits die ersten Schritte gegangen sind oder nur die Möglichkeit in Erwägung ziehen, finden hier sehr konkrete und lebensnahe Beispiele und Anregungen, wie sie eine heimliche Liebe möglichst sozial verträglich gestalten können. Und nichts wird schön geredet: Auch die nicht immer entspannten Rahmenbedingungen und möglichen zu durchdenkenden Konsequenzen werden aufgezeigt.
Außerdem: Fremdgehen ist ein uraltes Phänomen, das bereits in der Bibel erwähnt wird. Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen waren seit Alters her die Geliebten von reichen Männern und Adeligen. Seit dem 16. Jahrhundert ist bekannt, dass auch verheiratete Frauen ähnliche Verbindungen zu unverheirateten Männern hatten. Im 20. Jahrhundert kam zur Affäre der Begriff der/des Geliebten hinzu. Soweit das Kapitel "Kleine Kulturgeschichte des Fremdgehens".
Langeweile ist tödlich
Wichtige Fragen werden aufgeworfen, beispielsweise, welche Motive uns überhaupt zum Fremdgehen veranlassen. Oder welche Konsequenzen Lügen, Intrigen oder One-Night-Stands haben können. Also eine sowohl praktische als auch theoretische Annäherung an das Thema mit sehr viel persönlichem Spielraum für eigene Reflektionen. Vielleicht hilfreich beim Sortieren der eigenen Gedanken, wenn dieses Thema akut sein sollte.
Die Autorinnen empfehlen ihr Buch übrigens auch glücklichen Paaren als Lektüre. Das gemeinsame Lesen ermögliche den Partnern, einmal ganz offen über Treue im Allgemeinen und im Besonderen zu sprechen. Ein guter Vorschlag, denn so kommen geheime Wünsche und Fantasien ans Tageslicht oder vielleicht auch die Langeweile, die sich in den Alltag eingeschlichen hat. Ein Lesespaß, der womöglich ein gewisses Prickeln zurück bringt. Warum also nicht?
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