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Interview: „Hochsensible Persönlichkeiten – Liebe unmöglich?“
Interview: „Hochsensible Persönlichkeiten – Liebe unmöglich?“ (Kategorie: Kennenlernen)
In seiner aktuellen Komödie Die Anonymen Romantiker, die am 11. August in den deutschen Kinos startet, erzählt Regisseur und Co-Autor Jean-Pierre Améris von ganz besonders veranlagten Menschen: Hochsensible Persönlichkeiten, sogenannte HSPs. Doch was bedeutet eigentlich dieser Begriff und wie erkennen wir hochsensible Menschen? Der davon selbst betroffene Filmemacher aus Frankreich erklärt es uns im Interview.

Wie entstand das Projekt Die Anonymen Romantiker?

Ich habe das Gefühl, diesen Film immer in mir gehabt zu haben. Er ist definitiv mein intimster und auch autobiographischster Film, den ich gemacht habe. Ich wusste immer, dass ich eines Tages eine Geschichte mit einem hochsensiblen Charakter im Mittelpunkt erzählen würde – denn seit meiner frühen Kindheit bin ich selbst einer.
Ich erinnere mich daran, wie ich die Tür einen Spalt geöffnet habe, wenn ich aus dem Haus musste, als ich klein war. Ich spähte hindurch, ob auch niemand auf der Straße war. Wenn ich je zu spät zur Schule kam, war ich nicht in der Lage, den Klassenraum zu betreten. Das wurde in meiner Jugend noch schlimmer und das war dann der Zeitpunkt, als ich meine Leidenschaft fürs Kino entdeckte. In der Sicherheit des dunklen Saals konnte ich Angst, Spannung, Freude und Hoffnung erleben. Ich empfand große Gefühle, ohne mir Sorgen darum zu machen, ob mich jemand dabei beobachtet.

Haben Sie jemals an einem Programm für hochsensible Menschen teilgenommen?

Vor geraumer Zeit besuchte ich eine Gruppe im Hospital Pitié Salpêtrière, wo ich anderen Menschen und anderen Geschichten begegnete und merkte, wie groß die Zahl der Leute ist, die unter diesem Phänomen leiden. Was hochsensible Menschen am meisten fürchten, ist, mit anderen in intimen Situationen zusammen zu sein. Der Gedanke, sich zu entblößen, physisch oder emotional, löst bei ihnen Panik aus. Ich war erstaunt, von sehr schönen, jungen Frauen zu hören, dass allein der Gedanke ein Date zu haben sie total in Panik versetzte. Männer, die ich um ihre scheinbare Selbstsicherheit beneidete, erzählten, dass sie die Vorstellung, in der Öffentlichkeit eine Rede zu halten, in Angst und Schrecken versetzte. Ich war von diesen Befindlichkeiten, die ja täglich gegenwärtig sind, gleichzeitig betroffen und berührt.

Wie würden Sie eine typische hochsensible Person beschreiben?

Diese Menschen sind nicht schüchtern – das ist etwas anderes. Es sind Menschen, die in einer fast ständig vorhandenen Anspannung leben, zerrissen zwischen einem mächtigen Wunsch danach zu lieben, zu arbeiten und zu leben, und etwas, dass sie zurückhält und jedes Mal daran hindert. Sie verfügen häufig über eine enorme Energie und sind weder deprimiert noch depressiv. Diese Anspannung, die ihr Wesen ausmacht, brachte mich darauf eine Komödie zu entwickeln, weil die sie häufig in sehr seltsame Situationen bringt.

Wie kann man diese hochsensiblen Menschen erkennen?

Das ist nicht einfach. Meistens sind sie, ohne es selbst zu wissen, sehr gute Schauspieler. Sie müssen sicherstellen, dass nichts von ihren Ängsten durchschimmert, also entwickeln sie diese beeindruckende Fähigkeit, Menschen zu täuschen, ihnen etwas vorzuspielen. Es ist kein Zufall, dass viele große Schauspieler hochsensibel sind.

Ihre Filme handeln oft von Menschen, die um ihren Platz im Leben kämpfen…

Ich habe immer Geschichten von einsamen Individuen erzählt, die sich um die Integration in Gruppen mit anderen Menschen bemühen. Sie fürchten sich, aber sie suchen die Verbindung. Davon erzähle ich in meinen Filmen gern und das ist irgendwie auch das Wesen des Kinos – eine Verbindung herzustellen und Menschen zusammenzubringen. Hochsensibel zu sein ist etwas, das Menschen isoliert. Als Kind verbrachte ich sehr viel Zeit mit mir allein. Ich kannte Leute, die nicht einmal ihr Haus verlassen konnten, obwohl es bei mir selbst nie so weit kam. Dann wird alles zur Herausforderung – Brot kaufen zu gehen oder jemandem auf der Treppe zu begegnen. Du fürchtest dich vor anderen Menschen und hast Angst, dass sie dich anschauen.

Sind Sie Ihrer Meinung nach hochsensibel geboren worden oder sind Sie es im Lauf der Zeit erst geworden?

Ich glaube, dass die Wurzeln der Hochsensibilität in der Kindheit liegen. Ich erinnere mich, dass in meiner Jungend die Ängstlichkeit in meiner Familie allgegenwärtig war. Ich mache meinen Eltern keine Vorwürfe, aber mein Vater hat früher sehr oft gesagt: „Hoffentlich passiert uns nichts!“ – so wie bei Jean-René im Film. Wir lebten nach dieser Devise. Auch ein anderer Satz kam oft vor: „Lass uns vor allem nicht auffallen“. Wenn das Telefon klingelte, gingen wir davon aus, dass uns eine Todesnachricht übermittelt werden sollte. Wir lebten also in ständiger Furcht vor Unglücksfällen, während wir gleichzeitig alles taten, um nicht aufzufallen. Die Tatsache, dass ich auch noch groß gewachsen war, stand dem jedoch oft im Weg. Für mich ist es immer noch ein Albtraum in einer Kneipe zwischen vielen anderen Leuten zu stehen.

Sehr geehrter Herr Améris, wir danken Ihnen fürs Gespräch!

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Bildquelle: Delphi Filmverleih


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