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“Kein Kribbeln – falsche Vorstellung von Beziehung?”
“Kein Kribbeln – falsche Vorstellung von Beziehung?” (Kategorie: Expertenboard)
Rein äußerlich ist er nicht so recht mein Typ, da er eher zu Übergewicht neigt, obwohl er auch in dieser Hinsicht wirklich an sich gearbeitet hat, was die Beziehung verbessert hat. Habe ich vielleicht eine falsche (zu romantische) Vorstellung von Beziehungen?

Liebes Elitepartner-Team!
Seit einem dreiviertel Jahr bin ich (29) jetzt mit meinem Freund zusammen. Momentan führen wir eine Wochenendbeziehung. Tatsächlich scheint endlich alles zu passen. Ich kann ihm bedingungslos vertrauen, wir können uns stundenlang unterhalten, teilen uns unser ganzes Leben mit.

Wir kennen bereits unsere Familien und er hat mir gesagt, dass er sich mit mir eine Familie und Kinder wünscht, was auch mein Lebensplan ist. Nun will er sogar seinen Standort wechseln und zu mir ziehen, sofern das mit seinem Beruf (er ist Lehrer) vereinbar ist und er versetzt wird. Ich muss noch dazu sagen, dass wir schon jahrelang befreundet gewesen waren, bevor wir ein Paar wurden, und dass er mein zweiter fester Freund ist. Meine erste Beziehung hat ein Jahr gedauert und liegt 8 Jahre zurück.

Jetzt hab ich das Problem, dass ich mir eine Liebesbeziehung trotzdem immer anders vorgestellt habe, aufregender! Zu meinem Partner hab ich, wie gesagt, dieses übermächtige Vertrauen und den tiefsten Respekt. Dafür liebe ich ihn auch, aber das, was man immer als "Schmetterlinge" beschreibt, fehlt mir. Rein äußerlich ist er nicht so recht mein Typ, da er eher zu Übergewicht neigt, obwohl er auch in dieser Hinsicht wirklich an sich gearbeitet hat, was die Beziehung verbessert hat. Auch ich habe an mir gearbeitet und bin dabei zu lernen, dass man dem anderen auch seine Fehler zugestehen muss und dass Perfektionismus in der Liebe fehl am Platz ist. Trotzdem frag ich mich, ob die Liebe in Wirklichkeit einfach so anders ist, als man sie sich als Teenager erträumt und ob ich mit den "Schmetterlingen" abschließen sollte. Viel schöner, als allein zu sein, ist es ja mit ihm. Und außerdem muss es ja einen Grund geben, dass ich acht Jahre allein war: Habe ich vielleicht eine falsche (zu romantische) Vorstellung von Beziehungen?  
Viele Grüße und besten Dank!

Svenja*  
*Name von der Redaktion geändert

Antwort: " Fragen Sie sich, was Ihnen wirklich wichtig ist!"

Liebe Svenja,

Liebe ist nicht gleich Liebe und sie besteht aus ganz unterschiedlichen Facetten. Die meisten Partner erwarten heute von sich und ihrer Beziehung immens viel: Intimität und Vertrauen, gemeinsame Lebensprojekte wie Familie und Kinder, emotionale Zuwendung und Anteilnahme, Treue, gegenseitige Unterstützung, Loyalität und guten Austausch, gemeinsame Freizeitinteressen und Zukunftsvorstellungen, ähnliche Ansichten und Einstellungen, gegenseitige Toleranz des eigenen Verhaltens und der Eigenarten, körperliche Nähe und Zärtlichkeit, Begehren und Leidenschaft. Diese Liste ist sicherlich noch zu erweitern. Das sind viele Wünsche und Erwartungen, die man an den Partner und die Partnerschaft stellt. Ist ein großer Teil davon erfüllt, sprechen viele von einer erfüllten Liebe.

Um Ihre aktuellen Bedenken aufzugreifen, möchte ich Ihnen zur Verdeutlichung ein Modell von Liebe beschreiben. Dieses geht von drei Ebenen der Liebe aus: Der partnerschaftlichen, der freundschaftlichen und der leidenschaftlichen Liebe. Betrachtet man Liebe einzeln bezogen auf diese Bereiche, lassen sich die oben aufgeführten Aspekte von Partnerschaft leicht zu den drei Ebenen zuordnen. Bei der partnerschaftliche Liebe geht es vor allem darum, mit dem Partner als Begleiter gemeinsam durchs Leben zu gehen, sich gegenseitig bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen, in materieller, sozialer und emotionaler Hinsicht füreinander da zu sein. Die Aufgaben der freundschaftlichen Verbindung bestehen hauptsächlich in der gegenseitigen Bestätigung des Wesens und im Ausleben gemeinsamer Interessen. Man findet den Freund inspirierend, führt gemeinsame Unternehmungen mit ihm durch, teilt Geheimnisse und Vorlieben mit ihm. Freundschaft beruht auf Sympathie. Auf der leidenschaftlichen Ebene geht es um den Wunsch, mit dem Partner zu verschmelzen und Einssein zu wollen. Sexualität und Erotik spielen die wesentlichsten Rollen in der leidenschaftlichen Verbindung.

Im Idealfall werden alle drei Ebenen im gleichen Maße bedient und befriedigt. Doch es kann auch sein, dass es auf einigen Ebenen eine stärkere Verbindung gibt, als auf anderen. Es gibt Paare, bei denen steht Sexualität und Erotik deutlich im Vordergrund und das über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Dafür brauchen sie auf der anderen Seite viel Freiraum, so dass sie nicht zusammenleben können, keine Familie gründen wollen und auch in der Freizeit überwiegend eigenen Interessen nachgehen. Bei anderen Paaren hingegen wird die Intimität und das Vertrauen immer wichtiger und hat den höchsten Stellenwert. Das Gefühl, sich blind auf den anderen verlassen zu können, ist das Herzstück der Beziehung. Die Leidenschaft geht mit der Zeit zurück, an deren Stelle ist viel Zärtlichkeit geblieben. Erotik und Leidenschaft brauchen einen Fremdheitsmoment. Den kann man nach 20 Jahren des Zusammenlebens kaum noch konservieren.

Was ich damit sagen will: Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Liebe. Nicht nur die Eine oder die Richtige. Sie ganz alleine entscheiden, was Ihnen wichtig in der Liebe ist und sie glücklich macht. Leidenschaft und Verlieben ist aufregend und romantisch. Da Sie aber Ihren Freund schon Jahre kannten, gab es bereits viel Vertrautheit. Daher konnten Sie weniger neu an ihm entdecken, haben sich weniger in unsicherem Gefilden bewegt, was zugegebener Maßen sehr spannend sein kann. Sie konnten sich hingegen in Vielem auf Bekanntes verlassen, haben nicht mehr glühend vor dem Telefonhörer gesessen, weil Sie wussten, er ruft an, wenn er das sagt. Die Fremdheit zwischen Ihnen war nur noch bedingt vorhanden. Dennoch haben Sie sich verliebt. Fragen Sie sich bitte mal in was? War es für Sie vielleicht wichtig, sogar Vorraussetzung, sich auf diese Weise in eine Beziehung einzulassen? Finden Sie ein Abenteuer in der Phantasie zwar anziehend, doch scheuen Sie sich davor, aus Angst vor Verletzung und der Unsicherheit vor Unwegsamen?

Sie schreiben sehr rational: "Besser als allein sein, ist es mit ihm." Ja, das stimmt sicher so für Sie. Und ihr Freund wird vieles tun, um Ihnen zu gefallen und Sie als Liebe zu gewinnen. Abgenommen hat er schon, nun will er noch zu Ihnen in die Stadt ziehen. Sie werden in ihm einen treuen Freund haben, auf den Sie sich sehr verlassen können. Die romantische und leidenschaftliche Liebe spielt in Ihrer Beziehung nicht die größte Rolle. Sicherlich können Sie auf dieser Ebene einiges investieren, aber auf das große Prickeln werden Sie in dieser Beziehung eher verzichten müssen. Sie sind Ihr eigener Maßstab und so bleibt es an Ihnen zu entdecken, was für Sie in der Liebe zählt.  
Herzliche Grüße
Lisa Fischbach


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