Jeder Mensch ist anders und kommuniziert sich anders.
Warum gehen Menschen so verletzend miteinander um und sagen sich nicht ehrlich, was sie denken und fühlen? Halten Empfindung zurück, wenn sie spüren, dass sie sich verlieben, aber auch, wenn sie merken: Es stimmt nicht mehr.
Ist es nicht eine ganz wunderbare Form von Wertschätzung, sich dem anderen zu offenbaren? Und gehört es nicht auch zu einer Liebe, sich in schwierigen Phasen oder gar in der Trennung respektvoll und fair zu verhalten? Warum gelingt das so wenigen Menschen. Liegt es am Egoismus oder an Feigheit? Unvermögen oder fehlender Empathie? An der Lust zu verletzen und an Machtgefühlen?
Letzte Woche hatte ich Luise in der Praxis, eine gutaussehende, gebildete und anziehende Frau Anfang 40. Sie war unendlich getroffen von der unerwarteten Wendung in ihrer Beziehung. Doch noch viel mehr hatte sie das "Wie" der Trennung sprachlos und zweifelnd zurückgelassen. Gut anderthalb Jahre lang hatte sie eine On/Off-Beziehung mit einem zehn Jahre jüngeren Schauspieler aus Berlin. Ihr Start war nicht ganz leicht. Zacharias kam aus einer sehr aufreibenden Daueraffäre, die letztendlich für ihn nach hinten losging. Luise lebte vorher fünf Jahre in einer Beziehung, die aber jäh und mit einem großen Vertrauensmissbrauch zerbrach.
Am Anfang wollten sie sich nicht wirklich eingestehen, dass sie sich ineinander verliebten. Sie hatten beide Ängste und versuchten, sich gegen die aufkommenden Gefühle zu sträuben. Doch ließen sich beide nach jeder Bodendelle erneut wieder aufeinander ein, die Gefühle waren stärker, eine unglaubliche Leidenschaft war in den Begegnungen. Nach mehreren Anläufen, gemeinsam in Urlaub zu fahren, startete Luise vor zwei Wochen einen neuen Versuch, in dem sie ihn zu seinem Geburtstag einladen wollte.
Für sie unerwartet bekam Sie eine Urlaubsabsage per E-Mail. Angeblich sei der Zeitpunkt ungünstig, er unsicher, ob er nach den letzten Streitereien mit ihr wegfahren wollte. Luise interpretierte dies als deutliches Infragestellen der gesamten Beziehung, hakte nach, machte ihre Ängste transparent, wünschte sich persönliches Gespräch und Klärung. Er hingegen war für einen Nebenjob in Berlin unabkömmlich und sendete ihr nach 3 Tagen des Wartenlassens eine lange Email um 16:57 Uhr in ihren Arbeitsalltag: Er wolle keine partnerschaftliche Beziehung mehr zu ihr. Per Email! Kalt serviert. Luise stellt nun alles in Frage, weil so ein Umgang für sie weit weg von jeder Wertschätzung ist. Sie interpretiert sein Verhalten auf der Basis ihrer Gefühle. Wenn sie so handeln würde, dann würde sie Gleichgültigkeit oder gar Verachtung für jemanden spüren.
Doch Vorsicht: Ein Fehler ist, die Liebe des anderen auf der Grundlage der eigenen Liebeseinstellung zu interpretieren: Wenn ich mich bei Liebe so und so verhalten würde, heißt das nicht, dass der andere mich nicht liebt, wenn er sich anders verhält. Liebe spricht ganz unterschiedliche Sprachen, ideal wenn zwei gleich ticken. Die Messlatte ist aber stets, dass man für sich erkennt, was für eine Form von geäußerter Liebe man für sich braucht. Wer wie Luise erkennt, dass ihr Partner nicht gefühlt hat, was sie in diesem schweren Moment gebraucht hätte, und sich für sie Wertschätzung und Liebe darin äußert, ob man sich direkt mit ihr auseinandersetzt, wird tief verletzt. Der erkennt aber auch, dass dieses Verhalten ein Symptom für ein Grundproblem ist. Luise jedenfalls erkannte in meiner Sprechstunde, dass sie schon einige Male in ihrer Zeit mit Zacharias über seine fehlende Empathie, Ignoranz und Egoismus entsetzt war. Da er stets erklärte, er sei in Wirklichkeit ganz anders, vieles sei nur in den letzten Jahren verschüttet, hoffte sie auf Änderung.
Vergeblich, wie sich nun zeigt.
Es würde mich auch sehr verletzen, wenn mir jemand per e-mail eine Beziehung aufkündigen würde. Ob das Feigheit ist, kann ich aus der Ferne nicht beantworten, auf jeden Fall zeugt es meiner Meinung nach für wenig Gespür und Empathie einem Menschen gegenüber, mit dem man sehr nahe und intim war.
Am Anfang dieses Beitrags steht ja die Frage warum? Vielleicht um daraus zu lernen, sich selber wertschätzend einen Partner zu ermöglichen, der sich charakterlich (voraussichtlich) anders Verhalten würde.
Ein leider oft typisches "Männerverhalten", ignorant und recht kaltschnäutzig. Besonders dieser Typus Mann ist in eigenen Belangen dann meist sehr wehleidig und vergeht in eigener Sache gerne in Selbstmitleid. Zeigt sich in diesen Momenten nicht zu deutlich: Männer und Frauen, zwei unterschiedliche Gattungen. Ich bin oft selbst sehr verletzt und ratlos zurück geblieben.
Ich lebe seit gut einem Jahr in einer Beziehung, in der mein Partner schon drei Mal die Bezeihung quasi beendet hat. Ein kleines Problem und er erledigt das mit "Kanonen auf Spatzen schießen"-Technik. Sehr anstrengend. Nach einer Woche Funkstille ist bei ihm wieder alles in Ordnung. Ich brauche schon länger dafür.
Allerdings glaube ich, dass er es nie glernt hat, auf Konflikte "angemessen" zu reagieren. Der Preis dieses Verhaltens ist, dass ich mich nicht mehr so tief auf ihn einlasse, wie er gerne hätte.
Ich finde, dass sich Menschen besonders in Trennungssituationen zeigen. Klar, Extremsituationen bringen so manches Verhalten, was man vorher noch nicht kannte, ans Tageslicht. Doch für jeden Mann und jede Frau ist es schrecklich, in dem eh schon schweren Moment der Trennung noch eine Extraportion Enttäuschung zu bekommen, in dem die Form demütigend ist. Das ist dann so à la Boris Becker: Schlussmachen per SMS.
Da trennt sich eben Spreu von Weizen. Meine vorletzte Trennung war von Wertschätzung getragen und wir sind Freunde geworden. Das lässt doch auch Licht erkennen.
Grüße von Beate