Oft verhalten sich verliebte Menschen konträr zu ihrem eigentlichen Persönlichkeitsbild.
Durchsetzungsstark und autark im Job, aber in der Beziehung angepasst und wenig entscheidungsfreudig. Wie kann das sein? Habe ich viele Persönlichkeiten in einer? Ja, wir sind "Mehrere", wenn es um die Liebe, den Alltag, die Familie und den Job geht. Aber das ist kein Grund, am Verstand zu zweifeln.
Jette ist unter den Kollegen und Freunden beliebt für ihr freundliches Wesen und das diplomatische Fingerspitzengefühl in brenzligen Situationen. Würden wir ihren Mann fragen, beschriebe er sie als dominant im Streit und in Diskussionen als unnachgiebig. Die Jette aus dem Job scheint wenig mit der Jette in der Liebesbeziehung gemein zu haben. Ähnlich widersprüchlich das Verhalten von Sebastian. Der selbstbewusste und erfolgreiche Chefarzt macht in der Liebe immer wieder die gleiche Erfahrung: Er wird von seinen Partnerinnen verlassen. Der Vorwurf der Ex-Freundinnen: Er sei zu soft, hätte keine eigene Meinung und zeige zu wenig Initiative. Mit diesem Steckbrief würde keiner Sebastian in seinem Krankenhausumfeld ausfindig machen.
In beiden Fällen scheint es sich nicht um die gleiche Person zu handeln. Wie lässt sich das erklären? Mit einem Ansatz, der nicht von einer starren Persönlichkeit ausgeht, sondern in Erwägung zieht, dass je nach Umfeld bestimmte Seiten unserer Persönlichkeit zum Vorschein kommen und sich dominant darstellen. Wer es aushalten kann, der sollte den Gedanken auf sich wirken lassen, dass seine Persönlichkeit aus mehreren psychischen Subsystemen besteht, wir mehrere Egos haben. Der Ansatz der Beziehungspersönlichkeit hilft uns weiter. Er ist neu in der Psychologie und beschreibt sehr präzise die Charaktereigenschaften eines Menschen im Hinblick auf seine Liebesbeziehungen. Die Alltagspersönlichkeit, die den Charakter im Umgang mit Freunden und Kollegen beschreibt, hilft in Liebesbeziehungen nicht weiter. Sie spart wichtige Bereiche wie Treue, Sexualität, Bindung und Konfliktstile einfach aus. Zudem sagt sie wenig darüber aus, wie wir uns unserem Partner gegenüber verhalten.
Der Ansatz der Beziehungspersönlichkeit wurde von dem Hamburger Persönlichkeitsforscher Prof. Burghard Andresen entwickelt. Dr. Julia Peirano hat anschließend den Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem partnerschaftlichen Glück untersucht. Warum zeigen wir unserem Partner ein anderes Gesicht als unseren Freunden und Bekannten? Weil sich die Beziehungspersönlichkeit in der Liebe stärker durchsetzt, als die Persönlichkeit, die im Berufsleben und im Alltag aktiviert wird. Einfach gesagt: Wir sind in der Partnerschaft jemand anderes als im sonstigen Leben. Viel davon wird natürlich durch die besondere Art unseres Partners ausgelöst und bedingt. Diese Sichtweise ist nicht schizophren, sondern vielmehr versöhnlich. Auf diese Weise können wir uns selbst besser verstehen: Warum wir uns in Liebesdingen so anders verhalten als in der Kassenschlage im Supermarkt oder als Projektleiter im Vertriebsmeeting. Warum die Geschäftsführerin im Job ihren Mann steht, in der Beziehung aber eine Schulter zum Anlehnen wünscht und glücklich ist, sich ganz als Frau fallen lassen zu können. Wer dem Modell folgt, dem gelingt die Akzeptanz des eigenen oft so unterschiedlichen Verhaltens und der braucht die unterschiedlichen Seiten nicht in das eine oder andere Korsett zu zwingen. Außerdem weiß er darauf zu antworten, wenn der Partner mal wieder vorwurfsvoll sagt: "Also, du bist nicht wieder zu erkennen. Von Kollegen höre ich immer, wie entschlussfreudig du bist und wenn ich dich mal um die Planung des Wochenendes bitte, kommen zig Vorschläge, aber nie eine Entscheidung."
Schauen Sie sich hier mein Interview mit Dr. Julia Peirano an:
>> Single-TV Folge 30
>> Single-TV Folge 31
Liebe Frau Fischbach,
vielen Dank für den intelligenten und inhaltlich wertvollen Artikel. Ich lese Ihren Blog sowieso am liebsten, weil wirklich viel Lebensnahes drin steht und nicht nur so angerissen.
Weiter so!
Heidi K
Wirklich ein sehr anregender Artikel. Vielen Dank! Ich bin erstaunt, dass dieses Verhalten tatsächlich häufig im meinem Umfeld auftaucht. Und wie ist es erst mit mir?
Guten Tag,
ich erlebe es an mir ebenfalls, dass ich mich im Job anders zeige als in meiner Beziehung. Ich arbeite als Teamleiter in einer Produktion und da werden von mir sehr durchsetzungsstarke, männliche Seiten verlangt. Eben das typische Alpha-Männchen. In meiner Beziehung lege ich aber wert auf ein gleichberechtigtes Verhältnis zu meiner Freundin, zeige auch meine "weichen" Seiten. Aber dazu muss ich mich nicht verstellen. Das bin ich viel mehr. Im Job muss ich eher diese Seiten raushalten. Meine Freundin mag, dass ich privat so schnell umstellen kann.
Ich finde es gerade bei Frauen schwer, wenn die mit dem Ablegen ihres Business-Dresses ihre im Job geforderten "Männerseiten" nicht ablegen können. Nicht selten erlebe ich in meiner Firma Frauen, die ihren Mann stehen müssen, dabei aber vergessen, dass sie noch Frau sind. Ich hatte mal mit einer Kollegin vor ein paar Monaten ein Date. Die hatte so Haare auf den Zähnen, dass ich innerlich reißaus nahm. Fühle mich als Mann irgendwie kastriert. Und ich bin sicher kein Waschlappen.
Auch wenn solche Frauen sagen, sie suchen einen Mann zum Anlehnen und auch einen starken Mann, hilft das wenig, wenn sie nicht im Gefühl, in ihrer Art zeigen, dass sie auch weibliche Anteile haben, eben ihre Frau zeigen.
Ich glaube, dass solchen Frauen, die ihren Business-Charakter beim Date nach vorne stellen, nicht gut bei vielen Männern ankommen. Denn wer will solche vermännlichten Frauen?
Viele Grüße
Roger
Lieber Roger,
dein Kommentar erinnert mich irgendwie an eine Reportage von 1960: "Die Frau im Berufsleben".
Ich las ihn gestern Abend und muss meine Verärgerung darüber nun mal los werden.
Die damalige Sichtweise der Herren auf uns Damen war geprägt von Arroganz und Herrschsucht. Vermännlichte Frauen? Was ist damit gemeint? Etwa Bartwuchs? Ich kann Alice Schwarzer gar nicht genug danken für ihre großartige Arbeit für uns Frauen. Wenn solche Formulierungen heute noch von aufgeklärten Männern gebraucht werden… wo wären wir jetzt ohne sie? Viele Grüße von Katja
Hallo Katja,
also so ganz war das nicht gemeint. Ich bin für Gleichberechtigung und ich finde es selbstverständlich, wenn Frauen vor allem in Beruf und Karriere gleiche Chancen haben, endlich überall mal gleich viel Geld verdienen würden und viel mehr Frauen in Führungspositionen wären.
Ich meine was anderes. Mir geht es um die Frauen, die darüber klagen, keinen Mann zu finden oder immer die falschen anzuziehen. Männer, die ihnen zu weich sind, eher angepasst sind und bei ihnen Zuflucht und Stärke suchen. Aber wen wundert es, dass sich solche Männer von Frauen angezogen fühlen, die sich stark, dominant, unabhängig, selbstbewusst, durchsetzungsstark zeigen – und nun kommt der wichtige Unterschied – OHNE dabei ihre weibliche Seite gleichberechtigt an Bord zu lassen und den Mann auch fühlen lassen.
Ein männlicher Mann liebt sicher auch eine intelligente Frau, hat nichts dagegen, wenn sie Karriere macht, gebildet und finanziell unabhängig ist. Aber er sucht auch die Frau in der Frau, den femininen, weiblichen Teil, das weiche, offene, gefühlvolle, verspielte.
Und welche Frau das vergräbt oder nicht mehr zeigen kann – eben in der Liebesbeziehung, wie Frau Fischbach schreibt – wird es eher schwerer haben, weil sie einen Männertypen anzieht, den sie nicht will und den anderen, den sie will, zurück stößt.
Ist das nun klarer?
LG Roger