Patchwork-Familie

Die Patchworkfamilie

von: Anna Kalisch

Mann mit Kind trifft Frau mit Kind. Was in deutschen TV-Serien oft nach liebenswertem Chaos aussieht, ist in Wirklichkeit eine Herausforderung für alle Beteiligten. Die besten Tipps für die Gründung einer Patchworkfamilie.

64 Prozent der Deutschen glauben, dass Patchworkfamilien das Modell der Zukunft sind, so eine ElitePartner-Studie. Kein Wunder, denn die Liebe ist heute dynamischer als früher: Wir trennen uns und gehen neue Beziehungen ein. Ab einem gewissen Alter sind dabei häufig Kinder mit im Spiel. Doch das Entstehen einer Patchworkfamilie läuft selten so harmonisch wie in der Fernsehserie „Ich heirate eine Familie“. Lesen Sie hier die besten Tipps.

Nicht gleich zuviel erwarten

„Überfordern Sie Kinder nicht, wenn Sie eine neue Beziehung eingehen“, rät Diplom-Psychologin Lisa Fischbach. Leider neigen wir oft dazu. Frisch verliebt ist die Sehnsucht nach Harmonie besonders groß. Erwarten Sie nicht gleich zu viel von allen Beteiligten. Der neue Partner sollte darauf gefasst sein, von den Kindern nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Schließlich müssen die lieben Kleinen Mutter oder Vater nun mit einer anderen Person teilen – und empfinden dies als Bedrohung.

Kleine Monster

Das hat auch Silke (39) erfahren, die über ElitePartner Jörg (43) kennen lernte. „Alles war perfekt. Wir waren Seelenverwandte und verstanden uns ohne große Worte“, erzählt die Event-Managerin. So zog die Alleinerziehende mit Lukas (9) zu Jörg in sein Reihenhaus. Doch Lukas nutze jede Gelegenheit, um Jörg das Leben schwer zu machen. „Jörg hat sich solche Mühe gegeben, aber Lukas hat sich dauernd quer gestellt.“ Das galt besonders, wenn am Wochenende Jörgs fünfjährige Tochter Emilia zu Besuch kam. Genau dann forderte Lukas besonders viel Zuwendung für sich selbst ein.

Wahrscheinlich fühlte er sich wie viele Kinder in so einer Situation überfahren und von der neuen Familienkonstellation bedroht. Besonders in der Anfangsphase haben Kinder ein überhöhtes Gerechtigkeitsempfinden und lehnen den neuen Partner und dessen Kinder strikt ab. „Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass sich gar nicht so viel ändert, nur weil Sie plötzlich eine neue Partnerschaft haben“, rät Lisa Fischbach. „Gehen Sie mit Ihrer Zuwendung besonders sensibel um, damit Vertrauen entstehen kann. Das braucht seine Zeit und die sollten Sie sich nehmen.“

Den Kindern Ängste nehmen

Vieles hängt davon ab, wie alt und wie selbstständig die Kinder sind. Ebenso, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben. Ein Vater, dessen Kinder im Teenageralter nicht bei ihm leben, geht natürlich unter anderen Voraussetzungen auf Partnersuche als eine alleinerziehende Mutter mit Kleinkindern. Je älter Kinder sind, desto empfänglicher sind sie für Erklärungen und desto besser sind sie in der Lage, die Veränderungen zu verstehen. „In jedem Falle sollten Sie sehr einfühlsam mit den Kindern sprechen und ihnen frühzeitig die Veränderungen erklären“, rät Singlecoach Lisa Fischbach. „Das nimmt ihnen die Angst vor der ungewissen Zukunft. Meist haben die Kinder ja bereits eine Trennung hinter sich. Das bedeutet für sie Verlust und für Kinder ist das häufig ein noch schmerzhafterer Prozess als für die Eltern. Nicht selten geraten sie in eine emotionale Krise. Daraus kann sie nur die Liebe der Eltern, Zuwendung und eine gewisse Stabilität führen.

Keine Sympathie erzwingen

Lassen Sie sich nicht dazu hinreißen, die Sympathie der Kinder Ihres Partners um jeden Preis zu erkaufen. Ebenso wenig müssen Sie besser sein als der leibliche Elternteil. Ein Fehler, den viele Patchworker begehen. Hinzu kommt beim neuen Partner auch häufig Eifersucht auf den oder die Ex sowie die Befürchtung, die Stiefkinder nicht so lieben zu können, wie die eigenen – was im Übrigen niemand von Ihnen erwartet. Unsicherheit Ihrerseits und ein wenig anfängliche Skepsis und vielleicht sogar Ablehnung von Seiten der Kinder sind also durchaus normal. Auch wenn es schwer fällt: Bleiben Sie gelassen, wenn Sie zurückgewiesen werden. Das liegt nur selten daran, dass die Kinder Sie wirklich nicht mögen. Sie haben oft schlichtweg Angst, die Liebe ihrer Mutter oder des Vaters an den neuen Partner zu verlieren.

Das Tempo bestimmen die Kids

Ein Patentrezept, wie das Experiment Patchwork gelingt, gibt es leider nicht, schließlich ist jede Patchwork Familie anders. Aber wie so oft hilft viel gegenseitiges Verständnis und ständiges offenes Kommunizieren. Silke und Jörg haben regelmäßige Familienkonferenzen gehalten. Dabei kam jeder zu Wort und wurde ermutigt, offen und ehrlich über Ängste und Probleme zu sprechen. Silke hat Lukas erklärt, dass sie ihn noch genauso lieb hat wie vorher, dass Jörg ihr aber Dinge geben kann, die ihr nur ein erwachsener Partner geben kann. Inzwischen hat sich die Situation entspannt. Lukas hat Emilia sogar schon seinen Freunden als kleine Schwester vorgestellt.
Lisa Fischbach: „Nicht Sie geben das Tempo vor, sondern Ihre Kinder. Der neue Partner muss sich den Platz in der Familie erst mühsam erarbeiten, indem er mit dem Elternteil und den Kindern aufmerksam und liebevoll umgeht.“ Das beobachten die lieben Kleinen nämlich sehr genau. Vermeiden Sie unbedingt, Ihre Regeln in ein bestehendes Familiensystem einbringen zu wollen. Vielleicht herrscht dort ein völlig anderer Rhythmus. Außerdem: Allzu große Veränderungen bringen in der Phase des Zusammenwachsens einer neuen Gemeinschaft nichts als Chaos und Unruhe. Und genau jetzt braucht die neue Familie besonders viel Sicherheit und Orientierung.

Vorteil für Patchworker

Julia (33) hat es richtig gemacht: Sie hat ihren Partner Frank (37) ihren beiden Kindern Annika und Anton (5 und 7) genau zum richtigen Zeitpunkt vorgestellt und ihnen somit unnötige Enttäuschungen und Aufregungen erspart. „Wir haben ein paar Mal Dinge miteinander unternommen, so dass die beiden Gelegenheit hatten, sich an ihn zu gewöhnen und ihn lieb zu gewinnen“, sagt Julia. „Die Kinder hätten sowieso irgendwann gemerkt, dass ihre Mama verliebt ist.“ Das bestätigt auch Lisa Fischbach: „Kinder haben ein enormes Gespür für emotionale Veränderungen. Warten Sie deshalb nicht zu ewig, ihnen den neuen Partner vorzustellen. Wenn Sie das neue Glück zu lange verheimlichen oder gar verleugnen, entstehen Irritationen und dadurch ein Vertrauensverlust, der sich später nur schwer ausgleichen lässt.“
Die Patchworkfamilie wird in Zukunft mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Und tatsächlich sind Kinder, die in zusammen gewürfelten Familien aufwuchsen, meist kompromissbereiter und haben eine besonders hohe soziale Kompetenz. Durchschnittlich fünf Jahre dauert es jedoch, bis sich alle Beteiligten mit dem bunten Miteinander arrangiert und aneinander gewöhnt haben. Und bis es soweit ist und das Ganze reibungslos läuft, fliegen eben auch häufiger mal die Fetzen. Umso wichtiger ist es, dass die Erwachsenen eine liebevolle und glückliche Beziehung vorleben. Und eine Patchworkfamilie, die langsam und behutsam zusammenwächst, wird ebenso viel Stabilität und Harmonie erleben wie eine klassische Familie.

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3 Kommentare

Elke

3. Oktober 2008, 10:00 Uhr

3 Kommentare (älteste zuerst)Das Thema Partnerschaft mit Kindern ist so umfangreich, dass viele Frauen/Männer wahrscheinlich Romane schreiben würden, wenn sie sich dazu äußerten. Die Erfahrungen sind bestimmt vollkommen unterschiedlich so dass jeder Alleineerziende selbst damit umgeht. Meine Erfahrung ist die, dass den meisten Männern in meinem Alter (44) meine Kinder (9 + 13, Jungs) eine Hürde sind, die nicht mit etwas gutem Willen zu meistern ist.
Ich bin ein sehr anhänglicher Familienmensch, durchaus mit eigenen Freunden und Hobbies und natürlich auch mit Job. Trotzdem hörte ich immer wieder: "Bei dir kommen immer die Kinder zuerst!". Meine Kinder kochen sich meistens noch nicht selbst etwas, kaufen meistens nicht ein, putzen meistens nicht alleine das Haus und gehen meistens noch nicht alleine ins Bett, wo ist das Problem???
ICH möchte nicht mehr ohne Partner Frühstücken, alleine ins Bett gehen und alleine aufstehen. Das jeder ein eigenes Leben hat, aber viele Dinge aufeinander abgestimmt laufen können, ist doch auch klar.
Warum können sich Menschen nicht wirklich auf eine Patchworkfamilie einlassen? Es hat soviele schöne und warme Momente. Die Jungs wünschten sich einen Mann und Kumpel für den Alltag, einen Vater für jedes zweite Wochenende haben sie doch! Und ich habe jede Menge an Herz und Verstand zu bieten, bin alles andere als langweilig und wünsche mir die Nummer 1 im Herzen eines Erwachsenen als Erwachsene zu sein.

Janine

9. März 2009, 14:00 Uhr

Hallo,
das Leben in einer Patchworkfamilie zeichnet viele Probleme auf, wie wir durch langjährige Erfahrung nun wissen.
Genau aus diesem Grund haben wir vor ca. 4 Jahren ein Forum ins Leben gerufen zum Thema Patchwork.
Im März 2008 sind wir umgezogen auf eine größere Domain die uns viel Platz bietet, nicht nur für ein Forum.
Schaut doch einfach mal rein.
http://www.patchworkforum.net

VG Janine

Yvonne34

7. Oktober 2009, 22:00 Uhr

Ich bin gerade in so einer Situation: Meine Tochter liebt meinen Partner sehr – auch seinen Sohn aus erster Ehe, der alle 14 Tage zu uns kommt. meine Tochter spielt auch mit dem 7 Jährigen Sohn, freut sich aber nicht, dass er kommt. wenn sie sieht, wie sehr sich mein Partner freut – er versteht nicht das sie nur Eifersüchtig ist – anstatt mit ihr darüber zu reden, zeigt er wie verletzt er ist und sagt noch sachen, die diese eifersucht noch steigern, meine Kleine ist 5 Jahre. Was kann ich tun, um zu vermitteln? außerdem wage ich zu behaupten, beide Kinder gleich zu behandln. wenn der eine was bekommt, denke ich auch an den anderen – auch mit kuscheln, lieblingsessen etc. alles wird gleich von beiden behandelt, egal was es ist, was kann ich tun, um meinem Partner zu zeigen, das er sich vollkommen falsch verhält? reden hilft nicht. er ist dann nur noch mehr belidigt.
BITTE HELFT MIR, ich kann nicht mehr!!!
Yvonne