Single-Lüge

Wo sind eigentlich all die Singles?

von: Saskia Balke

Die Entwicklung zur Single-Gesellschaft - findet sie wirklich statt? Im Job oder Freundeskreis von Paare umgeben, fühlen sich viele Menschen mit ihrem Single-Status allein auf weiter Flur. Da wird doch die Frage erlaubt sein: Leben wir mit einer Single-Lüge? Denn wo sind eigentlich all die Partnersuchenden? Ein Überblick über Statistiken, Single-Meinungen und Einschätzungen von Experten.

41% Single-Haushalte – in denen nicht nur Singles wohnen

Hera ist 52, geschieden, erfolgreich im Finanzsektor tätig. Unter ihren 40 Kollegen ist sie der einzige Single, ihre Kunden sind zu 80 Prozent gebunden. Privat und beruflich sieht es ähnlich aus. „Leben wir mit der Single-Lüge?“ fragt sie sich im ElitePartner-Forum. „Man liest und hört von steigenden Single-Haushalten. […] Wo sind denn die Singles, von denen so viel geschrieben und geredet wird?“ >> Zur Diskussion  Dieser Frage gehen wir mit Hilfe von Zahlen und Fakten auf den Grund.

In der Tat belegt die aktuelle Statistik, dass die Anzahl der Single-Haushalte steigt. Von 39,9 Millionen Haushalten sind 41% Single-Haushalte. Vor 20 Jahren waren es noch 17 Prozent weniger. Allerdings wird in diesen Erhebungen allein die Wohnform erfasst, nicht der Beziehungsstatus. Das macht den Begriff „Single-Haushalt“ so missverständlich. Schließlich leben mehr Menschen als je zuvor alleine und sind dennoch in Beziehungen.

 Jeder dritte Deutsche ist Single

Aussagekräftiger in Bezug auf die Verbreitung des Singlestatus ist eine Studie von ElitePartner aus 2013 unter mehr als 25.000 Internetnutzern: Demnach ist jeder dritte Deutsche alleinstehend, das sind rund 20 Millionen Männer und Frauen. Heras Wahrnehmung, als Single eine Ausnahmeerscheinung zu sein, begründet sich auch durch ihr Alter. Zwischen Anfang 30 und Mitte 40 sind tatsächlich viele Menschen fest gebunden, nur jeder vierte ist Single. Danach sinkt der Anteil leicht auf 22 Prozent. Unter 30 Jahren hat noch jeder Zweite keinen Partner.

Insofern trifft Heras subjektive Beobachtung zu: Laut Sozialwissenschaftlerin Andrea Lengerer vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim „müsse man zur Kenntnis nehmen, dass im mittleren Erwachsenenalter zwischen 35 und 50 Jahren rund 80 Prozent der Menschen in Partnerschaften leben“. Ungeachtet dessen sei für Menschen in nahezu allen Lebensaltern die Partnerschaft immer noch ein bedeutsamer Wert. Laut einer Allensbach-Studie glauben immerhin 66 Prozent an die Liebe des Lebens.

Trend zum Single-Dasein vor allem bei Jüngeren

Und so herrscht in unserem Kulturkreis noch immer das romantische Ideal „Alles mit einem für immer“ – kurz AMEFI. Das bestätigt auch die aktuelle ElitePartner-Studie. Den Single-Status betrachten die meisten als vorübergehende Phase, die je nach Alter aus verschiedenen Lebenssituationen resultiert. Soziologe und Gerontologe Stephan Baas vom Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz, Experte für Singleforschung, fasst diese in einem Interview für die Welt wie folgt zusammen:

  1. unter 30 – auf der Suche und aus selbst gewählten Gründen ohne Partner
  2. zwischen 30 und 50: Das Single-Dasein ist eine Konsequenz aus gescheiterter Ehe oder Beziehung
  3. über 50: Witwen/Witwer und Geschiedene

Von einer Single-Gesellschaft möchte Sozialwissenschaftlerin Andrea Lengerer nicht sprechen. Vor allem bei jüngeren Menschen macht sie jedoch einen Trend zum Single-Leben aus. Dass feste Partnerschaften eben erst zu einem späteren Lebensalter eingegangen werden, begründet sie gegenüber dem Tagesspiegel unter anderem mit der Bildungsexpansion unter Frauen. Wirtschaftliche Abhängigkeiten scheiden mehr und mehr als Motiv für eine Partnerschaft aus, gut gebildete Menschen können sich das Ungebundensein, Ausprobieren von Partnerschaften und Suchen nach dem passenden Partner leisten, die Toleranz divergierender Lebensziele oder von Untreue nimmt ab. Im ElitePartner-Forum erklärt Nutzerin Andriana ihren Standpunkt: „Ein Mensch mit Persönlichkeit und Profil wird sich die Menschen, die er in seinem Leben will (das gilt für Freunde genauso wie für Partner), sorgfältig auswählen. Da kommt es zwangsläufig mal zu längeren Single-Phasen, selbst wenn die Auswahl groß ist.“ Dass sich vor allem gut ausgebildete Frauen wie Männer später festlegen, ist die logische Folge.

In diesem Zusammenhang beobachtet auch Soziologe Stephan Bass, dass das klassische Famillienmodell ausstirbt, „dass es eben keinen typischen Weg mehr in die Familien gibt; gleichzeitig nehmen die Möglichkeiten von künstlichen Befruchtungen, Patchwork-Modellen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auf erfreuliche Weise zu. Ich bin beruhigt, solange die Menschen – Singles und solche mit Partnern – ihr Zusammenleben pflegen und sich umeinander kümmern. Alles ist möglich, denn das Leben ist bunt.“ Bass sieht sogenannte Caring Communities als Familienersatz im Alter, die einander in speziellen Wohnquartieren beistehen.

Jeder dritte Single ist Rentner

Für eine große Single-Gruppe wird diese Form sozialer Verantwortung besonders wichtig: Jeder dritte Großstadt-Single ist nämlich Rentner! Eine Zahl, die das Bild vom hippen, jugendlichen, unkonventionellen Solisten relativiert. Immer häufiger trennen sich Menschen nämlich auch im Alter, wenn beim Übergang in die Altersrente auffällt, dass es nicht mehr passt. Stephan Baas konzentriert sich bei seiner Forschung auf diese Silver-Singles. Gegenüber der Welt erklärte er, warum sich immer mehr Menschen auch im Alter noch entscheiden, getrennte Wege zu gehen: „Bis dato trennten sich viele Ehepaare, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Sie merkten, dass in ihrer Beziehung etwas fehlt, was durch die Anwesenheit der Kinder kompensiert wurde. Jetzt gibt es aber vermehrt Scheidungen und Trennungen in der Phase des Übergangs in den Ruhestand.“ Und auch für die hört die Suche nach einem Partner nicht auf: Immerhin zeigen sich 90 Prozent der Singles 50+ offen für Online-Dating.

Das Großstadt-Phänomen: Je größer die Auswahl, desto weniger legen sich fest

Viele Silver-Singles leben in Ballungsgebieten, weil sie hier eine gute Infrastruktur für ein selbstbestimmtes Seniorenleben vorfinden. Grundsätzlich sind Singles aller Altersklassen besonders häufig in Millionenstädten wie Berlin, Hamburg und München anzutreffen, im Westen tummeln sich übrigens drei Mal mehr als im Osten Deutschlands. Mit einem umfangreichen kulturellen Angebot ist die Lebensqualität für Alleinstehende in großen Städten besonders hoch. Das bestätigt auch ein Mann im ElitePartner-Forum: „In der Großstadt gibt es so viel Leben, so viel Abwechslung, Input sozusagen, dass man sich nicht einsam fühlen muss. Wenn ich Lust habe, gehe ich raus ins Nachtleben und habe Spaß, auch allein, wenn’s sein muss […].“

Wo besonders viele Singles aufeinander treffen, könnte sich ihre Anzahl durch die vielen potenziellen Partner schnell dezimieren – doch die Erkenntnis britischer Forscher lassen das Gegenteil vermuten. Sie fanden in einem Speed-Dating-Experiment heraus: Je größer die Auswahl an Beziehungskandidaten, desto weniger Verabredungen wurden getroffen. Umgekehrt stellt ein Mann in der Forumsdiskussion fest: „Auf dem Land gibt es weniger Singles, da tendieren Menschen dazu auch Beziehungen einzugehen, die vielleicht so sonst nicht entstanden wären, Einsamkeit macht kreativ.“

Frauen fällt das Single-Dasein leichter als Männern

Aber auch abhängig vom Geschlecht arrangieren sich Männer und Frauen mit dem Single-Dasein unterschiedlich gut. Stephan Baas erklärte gegenüber der Welt: „Frauen können besser autonom leben; Männer suchen meistens schnell eine neue Partnerschaft. Sie brauchen jemanden, der den Haushalt schmeißt. Dazu kommt, dass viele Männer regelrecht geschockt oder überrascht sind, wenn sich ihre Frauen scheiden lassen wollen. Frauen bekommen Trennungen besser hin, weil sie unglücklich sind und nach der Familienphase mal etwas für sich tun wollen.“ Mit knapp 55 Prozent Frauenanteil und 45 Prozent Männeranteil sind tatsächlich mehr Frauen Single als Männer.

Welche Singles gute Chancen auf eine Partnerschaft haben

In der Altersgruppe ab Mitte 40 nimmt für Frauen die Chance in einer Partnerschaft zu leben laut Lengerer deutlich zu – allein schon aus demographischen Gründen. Deutschlandfunk gegenüber erwähnt sie, dass ältere Frauen sogar häufiger gebunden seien als früher, weil die Generation keinen Männermangel zu beklagen habe. Aber auch die soziale Schicht spielt eine Rolle. Lengerer erklärt, „dass die hochgebildeten Frauen eher partnerlos leben. Die Hauptursachen sind, glaube ich, ökonomische Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, auch alleine zu leben auf einem hohem Wohlstandsniveau. Und das heißt, sie können Partnerschaften eingehen, sie können Kinder bekommen, aber sie haben auch Alternativen dazu.“ Niedrig qualifizierte Frauen verlieren ihrer Einschätzung nach jedoch an Attraktivität auf dem Singlemarkt. Hier zeichnet sich ein Wandel ab, denn lange spielte die Bildung der Frau auf dem Markt der Partnersuche eine eher untergeordnete Rolle. Was sich jedoch nicht verändert hat: Gebildete Männer stehen besonders hoch im Kurs, während Männer ohne Berufsabschluss sich eher wenige Chancen auf eine Partnerschaft ausrechnen dürfen. Downdating bleibt ein eher seltenes Phänomen.

Wie es zur Wahrnehmung „Singles als seltene Spezies“ kommen kann

Auch wenn wirtschaftliche Gründe bei der Partnerwahl keine Rolle mehr spielen müssten, ist der soziale Status eng mit dem Thema Partnerschaft verknüpft. Und in konservativen Kreisen spielt eben auch der Beziehungsstand eine Rolle. „Dass jemand Single ist, hängt […] keiner an die große Glocke. Mich mit eingeschlossen! Die meisten wollen vermutlich nicht bedürftig wirken. Auch beschleicht mich seit einiger Zeit das Gefühl, dass Partnerschaft oder Ehe quasi als Statussymbol in den Vordergrund gestellt werden müssen“, erklärt ein 26-jähriger Forumsnutzer.

Das Umfeld prägt das Selbstverständnis von Singles. Nicht jeder, der alleine lebt, steht stolz hinter seinem aktuellen Lebensstatus. Eine Frau wendet sich direkt an Hera, die sich die Frage nach der Single-Lüge stellte: „Ich gehe davon aus, du arbeitest in einer traditionellen Firma, vielleicht auch Kleinstadt, die sich vom Gemeinschaftsklima anstecken lässt. Überall, wo man in Gemeinschaft zusammen ist, herrscht ein Trend. Singles, die ich kenne, sind durchweg Typ ‚Unkonventionell‘. Freidenker, Künstler, Selbstständige, und ganz häufig Menschen, die was Eigenständiges bewegen wollen, vor allem Leute, die sich nirgendwo traditionelle Regeln aufdrücken lassen oder von irgendjemanden in ihr Lebensmuster reinreden lassen.“

Fazit: Kein Grund, sich einsam zu fühlen

Vor allem das Lebensalter und ein unkonventionelles oder eher konservatives Umfeld beeinflussen also die subjektive Wahrnehmung, ob wir eher von Singles oder Paaren umgeben sind. Fakt ist: Rund 20 Millionen Männer und Frauen in Deutschland sind Single. In jungen Jahren sind es mehr, in der mittleren Lebensphase sind es tatsächlich weniger. Heras Eindruck täuscht also nicht, wie die Zahlen und Fakten zu Deutschlands Singles belegen. Jedoch ist das kein Grund, sich unter den vielen Paaren einsam zu fühlen: „Wir leben meiner Erfahrung nach nicht mit einer Singlelüge. Wir bzw. einige leben nur mit der Lüge, dass eine Beziehung automatisch besser ist als Single sein“, findet ein Diskussionsteilnehmer.

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Saskia
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