Wie du mir, so ich dir

Wie du mir, so ich dir?
Wie man mit Kränkungen umgeht

von: Paul Nowak

Sie erzählen einen herrlichen Witz, aber Ihr Gegenüber gähnt nur müde. Sind Sie nun langweilig, oder hat Ihr Publikumkeinen Humor? Ob wir auf verunsichernde Situationen gekränkt reagieren oder nicht, sagt viel über unser Selbstbewusstsein aus. Wenn Sie von anderen hingegen bewusst verunsichert werden, heißt dies nichts Gutes für diese Beziehung.

Der Ton macht die Musik

„Vergangenen Sommer sah das Kleid irgendwie besser an dir aus.“ Männer, die das Aussehen einer Frau kommentieren – auf diese Weise wurden schon unzählige Streitigkeiten ausgelöst und Beziehungen beendet. Ob bewusst oder unbewusst – über derartige Kommentare und ihre Folgen amüsieren sich Kabarettisten seit dem Anbeginn ihres Berufsstandes. Auch das Publikum lacht gern über die vermeintlichen Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern. Absender und Empfänger einer Nachricht sind sich nicht darüber einig, wie der vermittelte Inhalt zu verstehen ist. Kommunikationswissenschaftler und Germanisten denken in so einem Fall unweigerlich an Friedemann Schulz von Thun und sein Modell der „vier Seiten einer Nachricht.“

Nicht nur der vermittelte Inhalt spielt eine Rolle für die Verständlichkeit, sondern auch die Stimmung, der Tonfall und die Beziehung, in der wir zu unserem Gegenüber stehen. Dies sind die Puzzleteile eines Informationspakets, das der Empfänger erst wieder zusammensetzen muss. Dafür besitzen wir zwar keine genaue Anleitung, aber wir haben wahrscheinlich sehr genaue Erwartungen an unser Gegenüber. Werden diese nicht erfüllt, fragen wir uns natürlich, warum das so ist. Wird etwas angesprochen, was wir gern verbergen würden, kann es egal sein, ob die Worte des Gegenübers bewusst gewählt oder unüberlegt gesagt wurden. Das Ergebnis kann das gleiche sein: Wir fühlen uns gekränkt.

Wie kommt es zu einer Kränkung?

Die Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki hat mehrere Bücher über die verschiedenen Facetten von Kränkungen und den Umgang mit ihnen geschrieben. Sie ist der festen Überzeugung, dass prinzipiell jeder Mensch kränkbar ist, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Ob wir leicht zu kränken sind oder nicht, hängt insbesondere davon ab, wie wohl wir uns in unserer Haut fühlen, wie zugänglich wir für Kritik sind und inwieweit wir bereit oder in der Lage sind, uns in die Gefühlswelt unseres Gegenübers zu versetzen. Eine der wichtigsten Fragen an uns selbst ist in diesem Zusammenhang: Kann mein Gegenüber eigentlich wissen, dass mich das kränken könnte? Ist die Antwort nein, haben wir die Nachricht wahrscheinlich falsch verstanden. Unser Gegenüber wollte uns nicht kränken, sondern vermutlich nur etwas ausdrücken. Dabei wurde unabsichtlich eine wunde Stelle berührt, die uns schon lange beschäftigt.

Wer lange keinen Sport getrieben hat, fühlt sich eventuell unwohl in seinem Körper. Der Hinweis auf das Kleid wird mit mangelnder Attraktivität in Verbindung gebracht. Da wir dazu neigen, Makel zu verstecken oder zu überspielen, fühlen wir uns in dieser Situation ertappt und schämen uns. Die Wahl der Wörter selbst lässt darauf jedoch gar nicht direkt schließen. Wir interpretieren den Satz aber so, wie wir es wollen. Dass das Problem vielleicht das Kleid ist, weil die Farben ausgewaschen sind oder es nicht mehr der allgemeinen Mode entspricht, kommt für uns aufgrund unserer Unsicherheit und Scham vielleicht gar nicht als Möglichkeit infrage.

Wer sich gekränkt fühlt, sollte sich fragen, welche Ursache dies hat, und nach einer direkten Lösung suchen. Andernfalls kann man schnell in einen Negativstrudel geraten, dem wir nur schwer wieder entkommen können. Stattdessen können sich zwischenmenschliche Probleme manifestieren.

Wardetzki sieht die Ursache vieler Streits und Missverständnisse zwischen Menschen als das Ergebnis von unbewusst erlebten oder aktiv verdrängten Kränkungen. Ihre Erfahrung als Therapeutin unterstützt diese These. Bleiben die Ursachen unentdeckt, kann eine belastende und unangenehme Kettenreaktion beginnen, die vor allem den Gekränkten hemmt. Der Kränkende weiß meist nicht einmal, dass er dafür der Auslöser war, während sich der Gekränkte immer weiter in seine Zurückweisung hineinsteigert. So entsteht ein vergifteter Nährboden, auf dem Wut und Verachtung sprießen.

Ein Paradebeispiel verdrängter Kränkungen

„Warum sprichst du denn nicht mehr mit mir?“

„Das musst du doch wissen!“

Machen wir unseren gekränkten Gefühlen Luft, indem wir über die andere Person lästern oder schimpfen, spricht Wardetzki von „Kränkungswut“. Dies sei ein äußerst zerstörerischer Zustand, der nicht zu einer Lösung des Problems führen könne. „Das liegt daran, dass diese Form der Wut mit Verachtung gepaart ist und sich darauf richtet, die Macht über den anderen zu erringen“, schreibt sie. Denn lösen können wir das Problem nur, indem wir den Auslöser unserer Kränkung direkt darauf ansprechen und nachfragen, wie er das denn eigentlich gemeint hat. Wardetzki schreibt der Kränkungswut Destruktivität, Kälte und Gnadenlosigkeit zu. Eigenschaften also, mit denen – seien wir mal ehrlich mit uns selbst – niemand gern beschrieben werden möchte. Kränkungswut zerstört die Beziehung zum Gegenüber. „Und das sogar vorsätzlich“, schreibt die Expertin.

Wie geht man also mit Kränkungen um?

Als Gekränkter müssen wir zuallererst ehrlich zu uns selbst sein. Wir müssen uns also, wie bereits beschrieben, fragen, warum uns etwas Gesagtes verletzt und ob die andere Person über unseren wunden Punkt Bescheid wissen kann.

In Beziehungen oder innerhalb einer Freundschaft sind Kränkungen hingegen besonders ungesund. Schließlich ist es sehr wahrscheinlich, dass unser Gegenüber sehr wohl um unsere Schwächen weiß. Ob sie real oder eingebildet sind, spielt dabei keine Rolle.

Warum Wut eine schlechte Reaktion auf Kränkungen ist

Die provozierte Wut und der gemeinsame Ärger sind dann schon die erste Stufe emotionaler Entfremdung, findet der Life-Coach Andreas Gauger. Dabei handelt es sich um Gefühle, die von Ohnmacht und Hilflosigkeit ablenken: Gleichzeitig wollen wir Macht über unser Gegenüber ausüben und diese Gefühle der Schwäche zurückgeben. Wenn wir uns allerdings stärker fühlen wollen als der andere, ist das Gleichgewicht innerhalb der Beziehung nachhaltig gestört. „Kommen wir mit Ärger und Wut nicht weiter, werden wir traurig“, weiß Gauger. Und Trauer empfinden wir meist nur dann, wenn wir schon etwas verloren glauben.

Wütend auf Kränkungen zu reagieren, wird also die Abwärtsspirale nur beschleunigen. Der Kränkende und der Gekränkte brauchen einander, um gemeinsam unglücklich sein zu können, schreibt Bärbel Wardetzki. Ihre Gefühle seien zudem spiegelbildlich. Nicht nur der Gekränkte sei verletzt, auch der Kränkende sei meist erschüttert darüber, welche Reaktionen er ausgelöst hat.

Bewusst verursachte Kränkungen können deshalb nur gemeinsam überwunden werden, durch Mitgefühl und Verständnis auf der einen Seite und die Bereitschaft zur Versöhnung auf der anderen Seite, findet die Expertin. Vielleicht liegt es aber auch tatsächlich am Kleid, und Ihr Gegenüber findet Sie genau so, wie Sie gerade sind,  großartig.

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