Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger hat schon zahlreiche Bücher über die Liebe und Beziehungen geschrieben. In seinem neusten Ratgeber
Freiraum für die Liebe erklärt er, wie Paare die Balance zwischen Nähe und Distanz in der Beziehung erfolgreich meistern. Wir trafen den Psychologen zum Interview.
Dr. Wolfgang Krüger, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch Freiraum für die Liebe, Nähe und Abstand in der Partnerschaft jede zweite Beziehung würde an dem Nähe-Distanz-Konflikt scheitern. Ist das der Urkonflikt der Liebe? Und was müssen wir bei der Partnersuche beachten?
Wir alle haben eine tiefe Sehnsucht nach Nähe, gleichzeitig aber auch ausgeprägte Wünsche nach Abstand. Das führt in jeder Partnerschaft zu Konflikten. Sie will dann mit ihm reden, er fühlt sich bedrängt. Abends will er mit ihr schlafen, nun will sie nicht. Morgens stellt sie ihm ein Schinkenbrötchen auf den Teller. Dies sind die alltäglichen Konflikte in der Liebe. Wir suchen zwar Nähe, aber der Partner darf unsere Distanzwünsche nicht missachten. Dies würde immer Abwehrreaktionen auslösen. Deshalb achten wir auch bei der Partnerwahl sehr genau auf die Signale des anderen. Sein Blick, seine Bewegungen, seine Ausstrahlung, der Klang seiner Stimme zeigt uns welches Nähe-Modell er hat. Ist er ein Kuscheltyp oder ein Jäger, reserviert oder nähebedürftig. Wir verlieben uns, wenn dies mit unserem Nähe-Distanz-Drehbuch übereinstimmt. Allerdings müssen wir dabei beachten, dass der zukünftige Partner wirklich nähefähig ist und trotzdem nicht zu sehr klammert. Sonst entsteht später ein Dauerkonflikt.
Und wie entsteht dann Nähe?
Wichtig ist vor allem, dass wir uns für den anderen wirklich interessieren, viele Fragen stellen, aber nicht übergriffig sind. Meist fragen wir beim ersten Treffen nicht, woran frühere Beziehungen gescheitert sind. Wir erzählen nichts über schwere Krankheiten. Aber wir stellen Nähe her, indem wir auf E-Mails schnell antworten, uns verbindlich verhalten, Zeit für den anderen haben. Und gleichzeitig müssen wir Geduld aufbringen: Männer sind meist zu ungeduldig, stellen zu schnell körperliche Nähe her, indem sie eine Frau umarmen oder küssen wollen. 70 Prozent der Frauen wünschen sich daher, dass die Männer in der Annäherungs-Phase zurückhaltender sind
Und wann verlieben wir uns?
Liebe entsteht immer nach dem Reißverschlussprinzip. Sie empfindet Interesse für ihn und sendet Signale aus und wartet. Das spürt er, empfindet auch Sehnsucht, sendet Signale aus und wartet. Dann meldet sie sich wieder. Das ist wie ein Gespräch, bei dem beide aufeinander zugehen. Wenn nur einer aktiv wirbt, stirbt beim anderen das Liebesverlangen. Deshalb ist es so wichtig in der Annäherungsphase, dass man sehr auf den anderen zugehen, sich aber auch zurückhalten kann und quasi ‚lauscht,’ welche Signale der andere ausstrahlt. Sonst hat dieser das Gefühl, dass er überrannt wird.
Aber wie geht es dann weiter?
Es gibt einen Bauplan der Liebe. Nähe entsteht zunächst durch das Gespräch, durch gemeinsame Aktivitäten, dann verbringt man die erste Nacht zusammen, man lernt den Freundeskreis des anderen kennen und nun ist man sich einig: Dies ist eine Partnerschaft. Doch wenn man an einen Menschen mit Nähe-Ängsten geraten ist, endet bereits hier die Beziehung. Dieser wird dann mitteilen, dass er noch Altlasten hat, sich nicht einlassen oder treu sein könne. Auf diese Weise kann das Fundament der Liebe nicht entstehen.
Was können Sie Frauen in dieser Phase raten?
Finger weg von Männern, die nicht nähefähig sind. Frauen suchen sich oft Männer, die wie ein einsamer Wolf durchs Leben gehen. Solche Männer wirken geheimnisvoll, haben eine untergründige Traurigkeit, das die mütterlichen Instinkte von Frauen anspricht. Und Frauen fühlen sich von diesen Männern nicht bedrängt. Wer eine schwierige Vater-Beziehung hatte, sucht sich oft distanzierte Männer, bei denen man sich sicherer fühlt. Frauen glauben oft: Ich liebe ihn für zwei, dann kann es klappen. Doch distanzierte Männer kann man nicht aufweichen. Hinter ihrer Distanz steckt ein Sicherheitsdenken, das sich nicht ändern lässt. Deshalb klagen diese Frauen später zu recht: Du stellst zu wenig Nähe her. Das ist dann ein ständiger Konflikt in der Liebesbeziehung, der sich nicht lösen lässt.
Sind denn immer die Männer distanziert und die Frauen nähebedürftig?
Das hat sich in den letzten vierzig Jahren sehr geändert. Zwar streben 70 Prozent der Frauen zwischen 20 und 40 Jahren noch immer viel Nähe an, weil sie eine Familie gründen wollen. Während Männer in dieser Lebensphase oft wenig bindungsbereit sind. Doch wenn die Kinder etwas größer geworden sind, wollen Frauen mehr Zeit selbstbestimmt verbringen. Sie haben sich meist 15 Jahre lang auf die Kinder, den Mann eingestellt und sagen: Jetzt geht es mehr um mich. 65 Prozent der Frauen über 50 Jahre stellten daher fest, sie hätten gern mehr Freiheit, doch 60 Prozent ihrer Partner wollten nun mehr Nähe. Männer haben in diesem Alter die wichtigsten Karriereziele erreicht, mussten die ersten schweren Krankheiten überwinden und entdecken nun stärker die Nähe in der Partnerschaft. Freiheitsliebende Frauen treffen deshalb in dieser Lebensphase auf verunsichert-anhängliche Männer. Männer jenseits der Lebensmitte wollen viel schneller zusammen ziehen, wollen ein gemeinsames Schlafzimmer – während die Frauen ihre Selbstständigkeit auch in der Liebe bewahren wollen.
Offenbar sind Frauen viel selbstbewusster geworden. Doch wie geht es dann weiter, wenn man ein Paar geworden ist?
Der Anfang der Liebe ist zwar sehr schön, aber auch verunsichernd: Denn wenn die Partnerschaft begonnen hat, fangen die eigentlichen Nähe-Distanz-Konflikte an. Einer der Partner sucht immer mehr Eigenständigkeit, während der Partner die Näheregeln beachten muss. Dazu gehört das Gummibandprinzip: Ziehe ich mich zurück, kommt der Partner. Man braucht Freundschaften, um die Distanz des anderen auszuhalten, man muss die eigenen Nähemuster der Kindheit reflektieren. Ich muss wissen: Warum bin ich manchmal so empfindlich, wenn er allein die Sportschau sehen will. Vielleicht bin ich als Kind vom Bruder entthront worden und reagiere gekränkt, sobald mich der andere nicht mehr wahrnimmt. Ich muss also sehr bewusst diese Nähemuster in meiner Partnerschaft reflektieren: sonst gibt es ständig Reibungspunkte und es entstehen Notmuster der Nähe: Man wird krank oder depressiv und bekommt dann mitunter jene Nähe, die man vermisste.
Sind dann dauerhafte Partnerschaften möglich?
Wir wissen heute, dass Paare auch nach zwanzig, dreißig Jahren durchaus glücklich miteinander sein können. Natürlich gibt es zwischendurch Krisen, Konflikte und vielfältige Belastungen. Aber die Kunst der Liebe besteht darin, dass man die Straße der Nähe nicht verlässt. Zuviel Distanz, zu viel Rückzug nach Kränkungen und Enttäuschungen führt dazu, dass die Liebe scheitert. Der häufigste Trennungsgrund ist mit 37 Prozent der Verlust an Nähe. Deshalb ist es so wichtig, dass man in Beziehungen immer wieder auf den anderen zugeht. Denn die Nähe ist ein Brückenschlag zwischen zwei Menschen, die grundsätzlich wissen: Wir gehören zusammen.
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