Beziehungsstress hinterfragen symbolisiert durch alte und junge Hänge

Beziehungsstress hinterfragen: Das Erbe unserer Herkunftsfamilien

von: ElitePartner Redaktion , 10. Juni 2016

Unsere Verhaltensmuster, unsere Streitkultur und sogar das Risiko einer Scheidung - zum großen Teil werden diese Muster als Erbe unserer Eltern und früherer Generationen an uns weitergegeben. Die familiären Muster zu durchschauen, erweist sich daher nicht nur als spannende Reise durch die Familiengeschichte, sondern zahlt sich auch für die eigene Liebesbeziehung aus. Denn wir sind diesem Schicksal nicht ausgeliefert, sondern können es bewusst besser machen!

Die Gefühlserbschaft unserer Ahnen

Familie ist ein Mikrokosmos. Von hier aus entdecken wir im Laufe des Heranwachsens den Rest der Welt. Eine sichere, stabile Basis fördert die eigenen Kompetenzen, das Leben und auch spätere Liebesbeziehungen konstruktiv zu gestalten. Doch die ideale Herkunftsfamilie gibt es nicht, denn schon unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wuchsen in dem individuellen Klima ihrer Familie auf, in dem bestimmte Muster vorherrschten, die sie an die Nachwuchs weitergegeben haben. Diese prägende Beziehungen zwischen den Generationen bezeichnete schon Freud als „Gefühlserbschaft“.

Offensichtlich ist diese nicht, wenn Sie einen neuen Partner kennenlernen. Sie offenbart sich erst, wenn erste Beziehungskrisen sich Bahn brechen.

Destruktives Streitverhalten nach Vorbild der Eltern

Plötzlich sind da Reaktionen, die unangemessen erscheinen und dem Partner Rätsel aufgeben. Die 30-jährige Elena fühlt sich beispielsweise schnell angriffen. Nach vier Monaten Beziehung zeigt sie sich in Diskussionen immer öfter mal von ihrer empfindlichen Seite, ihr zwei Jahre älterer Freund Paul findet, dass ihr die sachliche Distanz fehlt und sie Dinge oft persönlich nimmt, die sich gar nicht auf sie beziehen. Allerdings versteht er sich gut darauf, zu provozieren und verteidigt seine Meinung manchmal auch mit unfairen Mitteln. Das regt Elena nur dazu an, endlos weiterzudiskutieren. Oft mit dem Ergebnis, dass sich Paul wortlos zurückzieht.

Als sie seine Familie besser kennenlernt, kann Elena beobachten, dass die Streitigkeiten seiner Eltern ähnlich ablaufen wie ihre. Provokation trifft auf Empfindsamkeit, Diskussionswut auf Rückzug.

„Wir kopieren das Streitverhalten unserer Eltern […]“

, erklärt Psychologe Dr. Markus Schaer in einem Interview mit Autorin Sabine Jacobs auf systemmagazin.de.  Und nicht nur das: Es spiegelt auch unsere frühen Erfahrungen mit unseren Eltern. „Paare haben ein höheres Konfliktrisiko, vor allem wenn beide Partner einen unsicheren Bindungsstil haben“, wie Prof. Dr. Peter Kaiser in seinem Artikel „Der Einfluss der Herkunftsfamilien auf die Partnerschaft“ schildert, der auf familienhandbuch.de erschienen ist.

Der Einfluss von „Stressgenen“

Wurden im Säuglingsalter die Bedürfnisse nicht so gestillt, dass ein Urvertrauen in die Bezugspersonen wachsen konnte, wird auch später in vermeintlich gefährlichen Situationen, in denen sich der Mensch nicht anerkannt fühlt, dieser Schutzmechanismus aktiviert. „Emotionale Störungen mit Beziehungsschwierigkeiten sind besonders häufig bei Kindern und Jugendlichen, die in Stieffamilien aufwachsen, deren Eltern unterschiedliche Erziehungseinstellungen haben, die ihre Kinder überfordern und sehr streng zu ihnen sind,“ heißt es im Artikel „Gestörte Familien und Prozesse“ von Martin R. Textor, erschienen in „Das Kita-Handbuch“. Die Anfälligkeit für ein solches Vermeidungsverhalten kann sogar noch viel früher entstehen: Ist ein ungeborenes Kind im Bauch der Mutter anhaltendem oder extremem Stress, Schwangerschaftskomplikationen oder anderen Traumata ausgesetzt, steigt das Risiko für erhöhte Erregbarkeit. All diese frühen Erfahrungen sind nicht erinnerbar, können sich aber bei Wiederholung als „Stressgene“, wie Prof. Dr. Kaiser sie betitelt, in den neuronalen Verbindungen manifestieren. Diese verleiten Paul im Streitfall zu Provaktionen, Elena reagiert, indem sie nicht mehr mit ihm redet. In einer solchen Situation bleibt die Chance auf eine Klärung aus. Forderungsrückzugsspirale nennt sich das Phänomen, „ein Muster mit hoher Eigendynamik“, so Dr. Schaer. Der wortlose Rückzug ist seines Erachtens „ein Killerverhalten“, ebenso wie die „Verallgemeinerung von Vorwürfen und Kritik.“ Damit zeigt sich bei Paul und Elena eindeutig eine destruktive Streitkultur. „Wir neigen dazu, es genauso zu machen wie unsere Eltern. Das lässt sich für viele Verhaltensweisen zeigen, zum Beispiel für allgemeine Wärme, für unseren Interaktionsstil, unsere Problemlösungskompetenzen […].“

Warum Paul ein 1,3-fach erhöhtes Scheidungsrisiko hat

Wie Elena und Paul sich verhalten, ist sehr typisch für die Geschlechter, wie Dr. Schaer im Interview weiter ausführt.

„Frauen gehen eher davon aus, dass eine Beziehung dann in Ordnung ist, wenn sie über Probleme noch reden können. Die Männer finden es eher dann in Ordnung, wenn sie nicht über Beziehungsprobleme reden müssen.“ Für sie bedeute ein Rückzug häufig Schutz, vor allem dann, wenn der Vater ähnlich reagierte, ihnen kein anderes Rollenvorbild vorgelebt worden sei. Das Streitverhalten des Vaters ist aber auch für Töchter überaus prägend.

„Wir haben festgestellt, dass Frauen überdurchschnittlich häufig einen Partner wählen, der ein Rückzugsverhalten zeigt, das dem Verhalten ihres Vaters ähnelt. Und wenn diese Frauen dann den Rückzug in ihrer Partnerschaft erleben, fühlen sie sich davon möglicherweise besonders verletzt.“

Und auch das Scheidungsrisiko wird offenbar vererbt, wie der Psychologe darlegt. Weil Paul ein Scheidungskind ist, hat er ein 1,3-fach erhöhtes Risiko, selbst geschieden zu werden. Auf ein Vierfaches kann sich laut Prof. Dr. Kaiser das Scheidungsrisiko der Kinder erhöhen, wenn Streitigkeiten der Eltern auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Und selbst, wenn die Großeltern geschieden sind, beeinflusst das die Prognose auf die Stabilität von Beziehungen.

Loyalität den Eltern gegenüber

 Selbst die aktuelle Beziehung der eigenen Eltern wirkt sich auf eine neue Partnerschaft aus.

„Wird in der Herkunftsfamilie nicht vermittelt, dass die Paarbeziehung an erster Stelle steht, kommen junge Menschen in ihrer Partnerschaft leicht in Loyalitätskonflikte. Dies zieht dann Konflikte mit dem Partner einerseits und der Herkunftsfamilie sowie der Schwiegerfamilie andererseits nach sich“

, erklärt Prof. Dr. Kaiser. Wie stark solche Verbindungen sind, macht Roland Kopp-Wichmann in seinem Beitrag auf dem persoenlichkeits-blog.de deutlich. So kann auch ein dauerhaftes Single-Dasein unbewusst aus der Loyalität zu den Eltern entstehen. „Weil du keinen Partner hast, lebe ich auch allein“, kann daher auch Ausdruck dieser Verbindung sein. Selbst nach dem Tod der Familienmitglieder bleiben bestimmte Einflüsse wirksam, etwa durch ein materielles oder geistiges Erbe bzw. psychologisch nachwirkende Bindungen und Erwartungen. „In diesen Fällen haben sich die Familienmitglieder häufig noch nicht oder zu plötzlich von ihren Eltern abgelöst. Sie leben noch in alten Abhängigkeiten (selbst wenn sie diese verneinen oder sich stark von den Eltern distanzieren), haben noch kein autonomes Selbst ausdifferenziert, können keine Ich-Du-Beziehungen (Buber 1954) eingehen und sind nur ansatzweise zum Dialog und zur wirklichen Intimität fähig“, ist in Textors Artikel zu lesen.

20 bis 30 Prozent ist Verhaltens vorhersehbar – der Rest liegt in unserer Hand

Ausgeliefert ist diesen Mechanismen, deren Wurzeln in den Herkunftsfamilien liegen, allerdings niemand. Die Zusammenhänge in Bezug auf das Konfliktverhalten sind zwar bewiesen, aber nicht übermächtig groß. Zu 20 bis 30 Prozent lässt sich das Paarverhalten laut Dr. Schaer vorhersagen. „Die Herkunftsfamilie spielt eher die Hintergrundmusik der Paarbeziehung“

, konstatiert er, „ob wir in Dur oder in Moll spielen, das entscheiden wir schon selbst als Paar.“ Negatives Verhalten bringt häufig eine Spirale in Gang, denn „wenn uns einer unfreundlich behandelt, reagieren wir darauf geradezu automatisch“. Positives Verhalten hingegen müsse ein Partner aus eigener Motivation heraus an den Tag legen und sich quasi bewusst für Freundlichkeit entscheiden. Laut der 5-zu-1-Konstante von Paarforscher John Gottman seien mindestens fünf positive Gesten nötig, um eine negative Interaktion wettzumachen. „Paare, die das nicht mehr schaffen, trennen sich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit“, konstatiert Dr. Markus Schaer, der mit seiner Dissertation „Das Früher im Heute: Liebespaare und ihre Herkunftsfamilien“ mit einem Forschungspreis ausgezeichnet wurde.

Wie eine positive Streitkultur aussieht

Von Beginn einer Partnerschaft an die eigenen Reaktionen zu hinterfragen und auch die Verhaltensweisen des Partners als „gelernt“ wahrzunehmen, hilft dabei, gelassener mit Konfliktsituationen umzugehen. An der Streitkultur lässt sich arbeiten. „Das Wichtigste ist zuzuhören, also Aufmerksamkeit zu schenken und sich Zeit lassen, die Position des Gegenübers zu verstehen“ rät Dr. Schaer. Kompromisse gehören zu jeder Beziehung dazu, denn wer nur den eigenen Kopf durchsetzt, riskiert ein Machtgefälle, das den anderen zum Verlierer degradiert. „Das möchte keiner sein. Und natürlich gehört Respekt dazu, auch wenn ich auf der Sachebene unterschiedlicher Meinung bin. Also Respekt,  Achtsamkeit, Akzeptanz und nicht zuletzt die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und sich in die Position des anderen hineinversetzen zu können. Und zwar nicht nur kognitiv sondern auch emotional. Wenn das beiden Partnern gelingt, sprechen wir von einer positiven Streitkultur.“ Und die hat eine große Macht über die Gestaltung von Beziehungen: „Da das Gehirn bemerkenswert flexibel ist, haben aber selbst traumatisierte Menschen mit stark gebahnten Vermeidungsschemata eine Chance: Machen sie später in guten Beziehungen oder einer Therapie genügend befriedigende Erfahrungen, können sie neue neuropsychische Schemata und alternative Hirnstrukturen aufbauen. Die Stressgene werden/bleiben dann abgeschaltet […],“ beschreibt Prof. Dr. Kaiser die positiven Aussichten.

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